Im Augenblick. | Achterbahn zum Frühstück.
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Achterbahn zum Frühstück.

„Mama“. Es scheint mir als dringe ein leiser Ruf in meinen Traum. „Mama“. Gedämpft höre ich meinen Namen, oder sollte ich eher sagen, meinen Titel? „Mama“, was ist das überhaupt? Eine Bezeichnung? Ein Kosewort? „Maaaaamaaaaaaa“. Die Stimme wird nachdrücklicher und obwohl sie immer noch so klingt als käme sie aus weiter Ferne, wage ich eines meiner Augen zu öffnen und zu blinzeln, um den Ursprung des Rufens zu ermitteln. Ich erwarte in das freudenstrahlende Gesicht meiner Tochter zu blicken, wie jeden Morgen, um – wie jeden Morgen – festzustellen, dass sie der einzige Mensch auf der Welt ist, bei dem ich nicht das Bedürfnis habe ihm einen schweren Gegenstand an den Kopf zu werfen, wenn er mich zu einer vollkommen unchristlichen Zeit brutal aus dem Schlaf reißt, vor sieben Uhr morgens neige ich nämlich wahlweise zu Kraftausdrücken oder zu völliger Lethargie. Doch statt in Frejas blaue Augen zu blicken, sehe ich: NICHTS. Vor mir ist nicht als dunkles, tiefes Schwarz.„Mama, autehen …“, klingt es mittlerweile leicht ungehalten an mein Ohr, und langsam ahne ich warum sich die Stimme meiner Tochter so seltsam gedämpft anhört. Auf meinem Gesicht liegt ein schätzungsweise 1,50 Meter großer Stoffhund. Ich erinnere mich wage daran, wie ich eben jenem kuscheligen Ungetüm am Abend zuvor mindestens zehn Mal „Lalelu“ vorgesungen habe, ohne zu merken, dass Freja längst eingeschlafen war. Habe ich etwa die ganze Nacht mit einem Stoffhund gekuschelt? Eine Antwort werde ich auf diese Frage wohl vorerst nicht bekommen, denn der einzige der das wissen könnte, ist längt bei der Arbeit. Mein Mann gehört zu diesen seltsamen Frühaufstehern, die schon morgens um fünf ekelhaft gut gelaunt sind und mit einem schadenfrohen Grinsen tausend Dinge erledigt haben, noch bevor ich überhaupt ansatzweise ansprechbar bin. Der frühe Morgen ist echt nicht meine Zeit. Grade jetzt versuche ich verzweifelt mir das Ungetüm von Kuscheltier vom Gesicht zu zerren, was sich schwieriger gestaltet als es sich anhört, denn ich scheine mich im Schlaf halb auf den Hund draufgerollt zu haben. Als ich es endlich schaffe, gluckst Freja vor Lachen. Wenigstens hat eine von uns Spaß. „Mama“, sagt sie noch einmal, streckt mir ihre kleinen Ärmchen entgegen und strampelt mit den Beinen, als ich sie über das Gitter ihres Bettchens in meines ziehe. „Mama kusseln“, sagt sie. Ich finde dieses Wort klingt als hätte sie die Worte „kuscheln“ und „küssen“ in einen Mixer gegeben und ihre ganz eigene Definition von Liebe kreiert. Ich liebe es wenn sie es sagt. Frejas Händchen schließen sich um meinen Hals, die kleinen Finger umfassen eine meiner Haarsträhnen, ihre rosige Wange ruht an meiner, sie ist noch warm vom Schlafen. Ich puste in ihren Nacken, sie versucht dem Kitzeln zu entkommen, lacht dabei aus tiefster Seele und sagt „Nochmal“ als ich aufhöre. Ich kitzele erst den Hund, dann wieder Freja und auch wenn fast schon Juni ist, so singen wir doch immer noch mindestens ein Mal „Stups der kleine Osterhase“. Es ist ein Morgen wie jeder andere und auch wenn ich ihn lieber so gegen acht als um viertel nach sechs beginnen würde, so fällt mir doch keine bessere Art ein in den Tag zu starten. Ich möchte diese Momente einatmen, sie konservieren und für immer in meiner Brust behalten, sodass ich sie niemals vergesse, doch stattdessen hüpft meine Tochter auf eben jener auf und ab und kräht: „Autehen, autehen, Müsli essen“. Ich gebe mich geschlagen und schäle mich aus der Bettdecke. Wir gehen Zähneputzen, singen dabei Bruder Jakob, ich ziehe Freja ihre Socken an, sie zieht sie wieder aus, streckt sie mir entgegen und sagt: „Socken ausdezogen. Mama wieder anziehen“. Dann geht das Spiel von vorne los. Mittlerweile fühle ich mich Dank Kontaktlinsen, einer Bürste und Concealer endlich wie ein Mensch, wenn auch wie ein sehr müder Mensch, und als wir nach unten gehen um zu frühstücken, machen wir Halt vor dem Spiegel und sagen uns gegenseitig wie cool wir sind. Gut, also ich sage Freja, dass wir die Coolsten sind. Sie zieht an meinen Haaren und verlangt nach „Müsli“.

Jeden Morgen machen wir das so. Um viertel vor sieben hat meine Tochter mir schon mehr wunderschöne Momente geschenkt als ich zählen kann, das einzige was ich tun muss, ist sie auch tatsächlich zu bemerken. Meistens fällt mir das leicht und ich beginne den Morgen mit Liebe und Lachen, mit Frejas strahlenden Augen und kleinen Händchen um meinen Hals. Aber es gibt auch die anderen Tage. Tage, an denen nehme ich mein Handy in die Hand, anstatt zum zehnten Mal das Kuscheltier zu kitzeln. Anstatt mir Zeit zu nehmen, für Bruder Jakob und Stups den kleinen Osterhasen, werde ich ungeduldig und meist kann ich es mir nicht einmal verdenken, denn einen Grund, den gibt es immer.

Manchmal fühlt sich mein Leben an wie eine sehr kurvige, sehr schnelle und sehr beängstigende Achterbahnfahrt, streckenweise auch ohne Anschnallbügel. Dabei lebe ich in einer Kleinstadt, fahre einen Skoda Kombi und bringe selbigen sogar regelmäßig zur Inspektion. Also, nicht ich, sondern Franz, aber das kommt aufs Gleiche raus. Ich meine, wenn sich etwas NICHT nach Achterbahnfahrt anhört, dann ist das mein Leben. Das klingt eher so nach „Tretbootfahren auf dem Stadtweiher“. Trotzdem fühlt es sich manchmal eher so an wie die „Wilde Maus“ oder „Van Helsings Factory“ oder wie Achterbahnen eben sonst so heißen, dabei gehöre ich nicht mal zu den Menschen, die an Gummiseilen von Brücken springen, den Jakobsweg laufen oder freiwillig Miesmuscheln essen, ich meine DAS ist wirklich krass. Mein Nervenkitzel ist eher gefühlsmäßiger Natur. Mein Nervenkitzel ist es, meine eigenen Grenzen wieder und wieder zu verschieben, mich meinen Ängsten zu stellen und mich zu trauen wirklich und wahrhaftig „All in“ zu gehen mit allem was ich tue. Wie wahrscheinlich jeder Mensch bin auch ich in meinem Leben schon so richtig durch die Scheiße gegangen und mein Nervenkitzel ist es, mich den Traumata meiner Vergangenheit zu stellen und dafür zu sorgen, dass sie meine Gegenwart nicht mehr sabotieren können. Mein Nervenkitzel ist es herauszufinden wie ich ein Leben führe, das mich rundum erfüllt. Ich habe noch nie verstanden, warum ich mich mit gut zufriedengeben sollte, wenn die Möglichkeit auf großartig besteht. Es kostet Mut, Grenzen zu verschieben, seien sie auch noch so klein. Es kostet Mut, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen, scheinen sie auch noch so unverständlich. Es kostet Mut, seine eigenen Verhaltensmuster in Frage zu stellen, schließlich kennt man es nicht anders. Doch am Ende ist es das, was „Großartig“ von einem fordert. Für mich bedeutet ein erfülltes Leben nicht den Urlaub in Monte Carlo oder das Haus mit 30 Badezimmern. Für mich ist Erfüllung eine Beziehung auf Augenhöhe, eine Berufung mit Sinn und die Welt durch die Augen meiner Tochter sehen zu können, so wie ich es jetzt tue.

Freja und ich sitzen auf der Terrasse beim Frühstück. Ich sehe ich dabei zu, wie sie konzentriert versucht Müsli auf ihren Löffel und danach in ihren Mund zu bugsieren, ohne dass die Hälfte runterfällt, was ihr mal mehr und mal weniger gelingt aber das macht ihr rein gar nichts aus. Sie lacht zwischendurch, sieht mich an und kommentiert den Füllstand meiner Kaffeetasse. „Die Vögel zwitschern“, sagt sie plötzlich, hebt den Zeigefinger in die Luft und lauscht. „Mama auch hören“, verlangt sie und so sitzen wir beide mucksmäuschenstill mit großen Augen am Tisch und lauschen einer Amsel. Oder was auch immer das für ein Vogel ist. Geschätzte fünf Sekunden später wendet Freja sich wieder ihrem Frühstück zu und ich sehe sie an. Ich sitze da und muss mich beherrschen sie nicht auf der Stelle aus ihrem Stühlchen zu ziehen und an mich zu drücken, so sehr liebe ich dieses Kind. Ich bin froh, dass ich diese Momente mit ihr genießen darf. Ich bin froh, dass sie mir jeden Tag unzählige Male zeigt, was wirklich wichtig ist im Leben. Denn bei aller Achterbahnfahrt ist doch mein Alltag – so alltäglich er auch sein mag – das kostbarste was ich jemals haben werde.

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