Im Augenblick. | Alles war richtig.
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Alles war richtig.

„Morgen geht es los“. Franz und ich sitzen in einer kleinen Pizzeria, unsere Hände liegen auf dem Tisch, die Finger ineinander verschlungen, während wir ganz klischeehaft auf Pizza, Salat und Rotwein warten. „Morgen geht es los“, sagt er noch einmal, seine Worte klingen dumpf, so als hätte er vergessen sich selbst daran zu erinnern, dass er sich doch eigentlich freuen sollte. Ich habe einen Kloß im Hals, versuche zu lächeln während ich die Tränen in meinen Augenwinkeln wegblinzle. Ganz fest halte ich seine Hand, nie möchte ich sie loslassen. Und doch werde ich es müssen, spätestens morgen, denn morgen wird dieser Mann in ein Flugzeug steigen und für ein Praktikum nach Amerika fliegen. Für ein ganzes Jahr. „Morgen geht es los,“ denke ich und mir wird ein bisschen übel. Es ist ein Abend an dem die Zeit so viel wertvoller ist als sie mir sonst erscheint. Die Minuten rinnen durch meine Finger wie der Sand durch die Trichter der Uhr, nur viel viel schneller und jeder Versuch die unaufhörlich verstreichenden Momente zu ignorieren, lässt sie nur noch endgültiger vergehen. In der Nacht tun wir kein Auge zu, zu wertvoll sind die letzten gemeinsamen Stunden für das nächste Jahr. Wir kennen uns grade mal ein paar Monate, aber es fühlt sich eher an wie ein ganz neues Leben. Ich kann mir nicht mehr vorstellen wie es ohne ihn sein soll. Wir versichern uns, dass wir uns lieben. Wir versichern uns, dass wir dieses Jahr gemeinsam schaffen werden, auch wenn wir nicht beieinander sein können. Wir versichern uns, dass es das Richtige ist. Und dort in seinen Armen, die er ganz fest um mich schlingt, fühlt es sich so an als hätten wir Recht.

Die Verabschiedung ist kurz. Ich fahre ihn zum Flughafen, bringe ihn zur Passkontrolle. Ein letzter Kuss, eine Umarmung, seine Finger beim Loslassen noch einen kleinen Moment zu lange an meiner Wange, sodass ich meine Tränen nur mühsam zurückhalten kann. „Es ist das Richtige“, sage ich zu mir während ich ihm hinterherblicke, doch glauben kann ich es in diesem Moment nicht mehr. Noch ein Mal winkt er mir zu, dann ist er weg. Ich fühle mich leer und erschöpft, all die Emotionen, die Intensität der letzten Tage ist mit ihm verschwunden und während ich mir versuche einzureden, dass beides wiederkommen wird, straffe ich die Schultern und mache mich auf den Weg nach Hause.

Es macht mir Angst, Franz gehen zu lassen. Solche Angst, dass ich mir manchmal wünsche, diese Beziehung hätte niemals begonnen. Nachts liege ich oft wach und in der Dunkelheit kommen Gefühle und Situationen an die Oberfläche, die ich schon längst vergessen geglaubt hatte. Ein Vater der Dinge getan hat, die ein Vater niemals tun sollte. Ich will sie nicht fühlen, es schmerzt. Und doch ist sie da, die Traurigkeit, die Wertlosigkeit, die Schuld. Ich wünsche mir so sehr, dass Franz bei mir ist, am liebsten würde ich ihn anrufen, ihn anschreien, dass er zurückkommen soll, so sehr fehlt er mir. Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, weiß ich, dass diese Worte nicht ihm gelten. Dass er diesen Wunsch niemals wird erfüllen könne. Tief in mir drin weiß ich nun, dass wir Recht hatten. Es ist das Richtige, was wir tun. Franz kann nicht reparieren, was mein leiblicher Vater einst kaputt machte. Das kann nur ich selbst. Und das tue ich. Es fühlt sich an als würde ich ohne Sicherungsseil über einen Abgrund balancieren, aber ich schaffe es, nicht abzustürzen und Franz zu vertrauen. Er hat es verdient.

„Ich komme nach Hause“. Drei Wochen später sitze ich morgens um vier auf meinem Bett und höre einen Satz bei dem ich mich nicht traue zu glauben, dass Franz ihn grade wirklich gesagt hat. „Was?“, frage ich leise. „Ich komme nach Hause“, er wiederholt seine Worte langsam und deutlich. Ich bringe keinen Ton heraus. Stumm sitze ich im Dunkeln und halte die Luft an, ich wage kaum mich zu bewegen. „Ich komme nach Hause“, sagt er zum dritten Mal. Noch immer kann ihm nicht antworten. Ich weiß, dass sein Praktikum nicht mal im Ansatz das hält was es versprach aber ich weiß auch, dass es zu Franz Prinzipien gehört die Dinge durchzuziehen. Wirft er sie nun tatsächlich über Bord? Kann es sein, dass aus einem Jahr nun nur ein paar Wochen werden? „Inga, hast du mich gehört?“ Ich spüre wie mir die Tränen in die Augen steigen, als er meinen Namen sagt. „Du kommst nach Hause?“, ganz leise flüstere ich ins Telefon, noch immer habe ich Angst vor der Antwort, obwohl ich sie bereits gehört habe, nur wirklich glauben kann ich sie noch nicht. „Ja“, sagt er. „Ich komme nach Hause.“ Und mit einem tiefen Ausatmen, so als wäre er selbst überrascht davon wie erleichtert sich seine Entscheidung anfühlt, sagt er noch: „Ich werde hier nichts lernen können. Und ich werde nicht ein ganzes Jahr am anderen Ende der Welt verbringen, wenn es sich nicht lohnt und ich Zuhause doch alles habe was ich brauche.“ Ich kann hören wie er dabei lächelt und während mir die Tränen nun unaufhaltsam übers Gesicht laufen, muss ich laut lachen. Er kommt nach Hause.

Wenige Tage später stehe ich am Düsseldorfer Flughafen. Durch die Absperrung kann ich das Gepäckband sehen. Die Minuten ziehen sich wie Kaugummi, während ich mir den Hals verrenke um ihn endlich zwischen all’ den Menschen zu entdecken, doch als ich ihn dann von Weitem erkenne, bin ich plötzlich so aufgeregt, dass ich mich kaum mehr bewegen kann. Stumm stehe ich da und sehe ihn näher kommen. Als sein Blick auf meinen trifft, wird er schneller. Wir sagen nichts, als wir uns wieder in die Arme schließen. Es ist als würde es auf dem gesamten Flughafen nur uns beide geben, meine Knie sind weich wie Pudding, aber Franz Arme sind nun da um zu verhindern, dass ich einfach umkippe. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastehen, aber ich weiß, dass wir beide in diesem Moment genau dorthin gehören. Mein Gesicht in seiner Halsbeuge, seine Hand an meinem Hinterkopf beschließen wir ohne ein Wort zu sagen, unser Leben gemeinsam zu verbringen. Wir wissen es einfach. Alles war richtig.

1 Comment
  • Verena
    Posted at 08:37h, 20 Juni Antworten

    Haaaaach so wundervoll Inga! Voll von Hoffnung und Geborgenheit! Ganz großartig! ❤️
    Du schreibst auch einfach so bildlich und zeichnest Geschichten so fein und sanft. Ich mag deine Art zu erzählen so so sehr!

    Kuss vom Kuestenmaedsche

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