Im Augenblick. | Angst – wie ich damit umgehe.
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Angst – wie ich damit umgehe.

Ich sitze im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus und klammere mich an den Griff über der Tür. Die Tränen laufen mir in Bächen übers Gesicht, während sich mein ganzer Körper in einer Wehe zusammenzieht. Franz sitzt neben mir und auch wenn er kein Wort sagt, ist seine Gegenwart das einzige was mich davon abhält vollends die Fassung zu verlieren. „Ich kann das nicht.“ Dieser Gedanke scheint mich komplett auszufüllen. Ich kann das nicht. Ich kann das nicht. „Du schaffst das“, sagt Franz. „Du schaffst das.“ Ich glaube ihm nicht. Schüttele den Kopf. Er sieht mich fest an, meine Hand in seiner fühlt sich taub an, so fest drückt er zu. Sein Blick ist entschlossen, als er anhält und mich zwingt ihm in die Augen zu blicken. „Du musst das jetzt schaffen. Es geht nicht anders. Ich bin da – aber du musst jetzt loslassen. Hör verdammt noch mal auf alles kontrollieren zu wollen“. Ich nicke stumm. „Okay“, flüstere ich. Er hat Recht. Ich klammere mich an seine Hand, auch seinen Blick halte ich ganz fest und dann tue ich es, ich lasse zu was in mir ist. Ganz langsam spüre wie die Angst in meinem Körper höher und höher steigt, wie bei einem Glas das sich mit Wasser füllt. Es ist als würden alle Ängste die ich jemals in meinem Leben erlebt habe, sich auf einmal in mir ausbreiten und als sie keinen Platz mehr haben, brechen sie aus mir heraus. Ich denke nicht mehr, fühle nur noch. Die nächste Wehe nehme ich an anstatt sie einfach nur durchzustehen. Einlassen. Loslassen. Vertrauen. Die ganze Nacht habe ich mich ausgeliefert gefühlt, wollte Herr der Lage bleiben und verzweifelte mehr und mehr je klarer mir wurde, dass das nicht ging. Doch jetzt, morgens um halb acht auf dem Weg ins Krankenhaus, auf dem Beifahrersitz unseres Autos, meine Tochter noch in meinem Bauch strecke ich die Waffen und gebe ihn auf, meinen verbitterten Kampf um Kontrolle. Zwei Stunden später zeige ich halb lachend, halb weinend mit dem Zeigefinger auf meine Tochter die auf dem Boden des Krankenzimmers liegt und sage zu meinem Mann: „Guck mal Franz, siehst du das auch?“. Ich traue mich nicht es hochzunehmen, dieses winzige verschmierte und unglaublich perfekte Bündel Mensch, ich kann es schlichtweg nicht glauben, dass ich es tatsächlich geschafft habe und doch weiß ich von der ersten Sekunde an, dass dieses Mädchen das Beste ist was ich jemals zustande gebracht habe. (Den ganzen Geburtsbericht gibt’s HIER)

Etwas mehr als zwei Jahre ist dieser Moment nun her, zwei Jahre in denen meinen Tochter mir ein Leben gezeigt und eine Liebe geschenkt hat, die mich jeden Tag daran erinnern, wie sehr es sich damals lohnte, dass ich mich meinen Ängsten stellte. Es ist nichts weniger als ein verdammtes Wunder, dass ich dieses Mädchen auf die Welt brachte. Denn das ist jede Geburt. Für mich ist sie ein Sinnbild dafür, dass die Dinge die mir am meisten Angst machen, oft auch genau die Dinge sind die für mein Leben die größte Bedeutung haben.

Ich glaube jeder Mensch ist in seinem Leben schon mal so richtig durch die Scheiße gegangen, hat Menschen verloren, Schmerz erlebt oder Traumata erlitten. Das Leben ist nun mal das Leben und das ist manchmal auch ziemlich beschissen. Doch nichtsdestotrotz kommt niemand drumrum, sich dem eigenen Erlebten zu stellen wenn er es voll und ganz leben möchte. Zu lieben, obwohl man weiß was es heißt verlassen zu werden. Zu wagen, obwohl man weiß was es heißt verzweifelt zu sein. Zu glauben, obwohl man weiß wie Schmerz sich anfühlt. Es geht nicht darum, aller Welt kopflos lächelnd mit offenen Armen zu  begegnen, sondern einzig darum herauszufinden ob die Grenzen die man sich selber setzt auch wirklich ihre Berechtigung haben.

Zumindest mache ich das so. Ihr habt mich gefragt wie ich mit Ängsten umgehe und genau das ist es: Ich hinterfrage sie. Und meistens komme ich zu dem Schluss, dass es sich lohnt mich ihnen zu stellen. Ich habe verflucht viel Angst vor verflucht vielen Dingen. Ich habe Angst vor jeglicher Art von Veränderung und werde sogar leicht nervös wenn sich meine Müslipackung dem Ende neigt und ich Gefahr laufe, vielleicht etwas anderes frühstücken zu müssen. Denn ich esse IMMER das gleiche. Manchmal, wenn ich meine Tochter zu Bett bringe, dann beginnt in meinem Kopf ein erschreckend realistischer Film davon, wie ich sie dort alleine lasse und einen Fieberkrampf erleidet von dem ich nichts mitbekomme, sie sich dann den Kopf an der Bettkante blutig stößt und wir mit Blaulicht ins Krankenhaus fahren, wo ich es meistens schaffe den Film nun zu stoppen bevor meine Gedanken das Schreckensszenario weiterspinnen können. Ich habe Angst vor meinen eigenen kühnen Träumen, Angst davor nicht gut genug zu sein. Ich würde niemals auf ein Motorrad steigen,  im Leben keinen Fallschirmsprung machen und kriege noch immer so manches Mal ein flaues Gefühl in der Magengegend wenn ich die „Veröffentlichen“ Schaltfläche auf meinem Blog oder bei Instagram drücke. Auch nach fünf Jahren macht es mir noch manchmal Angst meinem Mann bedingungslos zu vertrauen, vor allem wenn er von mir verlangt Dinge zu tun die mir Angst machen. Verrückt? Oh ja.

Doch immer wenn ich Angst habe, dann frage ich mich: „Ist diese Angst wirklich real? Oder ist sie vielleicht nichts als ein Überbleibsel vergangener Erlebnisse?“. Ich nehme jede Angst ernst, verfalle aber nicht in den Irrglauben, dass sie einzig dazu da ist mich vor schrecklichen Dingen zu bewahren. Denn das ist sie meistens nicht. Ganz im Gegenteil. Meistens ist sie mein verlässlichster Wegweiser für Weiterentwicklung zu Beginn und Erfüllung am Ende, denn wenn ich es geschafft habe, sie zu überwinden, dann ist in der Regel immer etwas außerordentlich Großartiges dabei rumgekommen. Ich rede hier im Übrigen natürlich nicht von Dingen wie: „Oh, ich habe Angst dass mein Kind überfahren wird, stelle ich mich dem Ganzen mal und lasse es über die Straße rennen“, oder „Oh, ich habe Angst verlassen zu werden, stelle ich mich der mal und schreibe zum zehnten Mal dem Typen der mich schon drei Mal sitzen gelassen hat, dass ich ihn liebe“. So was gehört eher in die Kategorie einer vollkommen dämlichen sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Jeder Mensch hat seine ganz eigenen Ängste und muss seinen ganz eigenen Weg finden sich ihnen zu stellen und sie zu nutzen. Ich für meinen Teil frage mich oft: „Was ist das Schlimmste was passieren kann?“ und wenn ich mit der Antwort leben kann, dann mache ich mich an die Umsetzung, was nicht bedeutet, dass ich keine Angst mehr habe, sondern einzig und alleine, dass ich die Dinge TROTZDEM tue. Auch wenn ich zwischendurch verzweifle. Auch wenn ich zwischendurch keine Ahnung habe WAS ZUM TEUFEL ich da überhaupt mache. Und auch wenn ich zwischenzeitlich am liebsten wegrennen möchte. Denn das gilt nicht. Und manchmal – zum Beispiel wenn es um die Geburt eines Kindes geht – dann geht auch nicht. Was für ein Glück. Denn wäre es damals möglich gewesen, einfach wegzurennen, dann hätte ich niemals erlebt wie schrecklich, wahnsinnig wunderbar es ist, ein Kind zur Welt zu bringen.

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