Im Augenblick. | Auf Schlag
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Auf Schlag

Ich weiß noch genau wie damals der Anruf kam. Es war ein Sonntagabend, Franz und ich saßen auf dem Sofa, im Fernsehen lief der Tatort. Mein Handy klingelte, es war mein Vater. Er sagte irgendwas wie: Hey, es ist alles nicht so schlimm …“, doch schon während er die Worte aussprach, wusste ich, dass der Grund für seinen Anruf genau das war, er war schlimm. „Mama hatte einen Schlaganfall“. Ich weiß noch ganz genau wo ich stand als ich diese Worte hörte, nämlich direkt am Fenster im Wohnzimmer unserer alten Wohnung, mit Blick auf die Kempener Innenstadt. Seltsamerweise habe ich keinen blassen Schimmer mehr wie ich mich dabei fühlte. „Wir sind schon im Krankenhaus, Annette wird gut betreut, es scheint kein schlimmer Schlaganfall gewesen zu sein“, redete mein Vater weiter, so als wolle er es schnell hinter sich bringen, mich mit den wichtigsten Infos füttern, damit ich beruhigt sei. Ich merkte wie geschockt er war. Das einzige was ich dachte war: „Ihr seid schon im Krankenhaus und sagt mir JETZT Bescheid?“. Was ich sagte war allerdings eher so etwas wie „Oh Gott…“. Franz stand mittlerweile hinter mir, hielt mit seinen Händen meine Schultern fest, als würde er meinen Körper daran hindern wollen auseinander zu fallen.

Es war im Juli 2014. Am Abend zuvor waren Franz und ich noch gemeinsam mit meinen Eltern auf einem Open-Air Dorffest gewesen. Wir hatten getanzt, gelacht, das ein oder andere Bier getrunken und ich weiß noch ganz genau wie ich mich darüber freute meine Eltern so ausgelassen miteinander zu erleben. Die Nachricht vom Schlaganfall meiner Mutter erschien mir fast wie ein ziemlich makaberer und unglaublich schlechter Scherz, so unerwartet traf sie mich an jenem Sonntagabend, während einer solch banalen Beschäftigung wie dem Tatort-gucken. Doch es war kein Scherz. Am liebsten wäre ich sofort ins Krankenhaus gefahren, doch das ging nicht. Stattdessen luden mein Bruder und ich also am darauffolgenden Montag unsere beiden kleinen Schwestern in den alten VW-Bus meiner Eltern und machten uns auf den Weg in die Klinik. Wir hielten uns an den Händen als wir unzählige Flure entlangliefen, die alle gleich auszusehen schienen. Es roch nach Desinfektionsmittel. An viel mehr erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur noch wie erleichtert ich war, als meine Mutter sich recht normal mit uns unterhalten konnte und wie seltsam es war, dass sie dabei eine ihrer Gesichtshälften so gut wie gar nicht bewegte. Sie sagte uns, dass sich die Ärzte sehr gut um sie kümmerten und wie aufgehoben sie sich fühlte, doch so viel Mühe sie sich auch gab uns Kinder davon zu überzeugen, dass alles schon in Ordnung sei, so merkte man doch grade daran, wie schwer es sie getroffen hatte. Nichts war in Ordnung. Und gleichzeitig hätte es viel, viel schlimmer kommen können. Nur wenige Stunden zuvor wäre mir im Traum nicht eingefallen, meine Mutter könne überhaupt sterblich sein, war sie doch für mich der Inbegriff von Lebensmut und Zuversicht, und jetzt war ich so unglaublich erleichtert, dass sie einfach nur lebte. Es war verrückt. So, als hätte mein Leben mir mal eben gezeigt: „Hey, ich bin nicht selbstverständlich“. Auf dem Rückweg hatten wir eine Autopanne. Meine Schwestern und ich aßen Pommes bei MC Donalds während mein Bruder an der nebenan liegenden Tankstelle irgendwas mit dem Kühlwasser wieder in Ordnung brachte. Zum Nachtisch gab es Softeis und die wage Vorahnung davon, dass uns eine schwierige Zeit bevorstehen würde.

Am Tag darauf ging ich morgens in unser Atelier. Das Atelier in dem ich als selbstständige Fotografin arbeitete – gemeinsam mit meiner Mutter. Wir hatten damals einen vollen Terminkalender, Familienshootings standen an, die Hochzeitssaison war in vollem Gange und anstatt nun gemeinsam die anstehenden Fotoshootings zu besprechen, setzte ich mich alleine an den Schreibtisch, die Tränen liefen mir übers Gesicht. Wir hatten immer eine klare Aufgabenteilung gehabt, meine Mutter trug dabei die Hauptverantwortung. Ich hatte keinen blassen Schimmer wie ich Bilder bearbeiten sollte, hatte ich doch bis jetzt keine sonderlich große Motivation gehabt es zu lernen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie ich eine Familie mit drei Kleinkindern samt Hund so anleiten sollte, dass sie in meine Kamera guckten, wenn möglichst im selben Moment und wenn möglich lächelnd. Außerdem bereitete mir alleine der Gedanke eine gesamte Hochzeitsgesellschaft so zu platzieren, dass man jeden sehen konnte, davon ein Foto zu machen und gleichzeitig irgendetwas zu erzählen das geschätzte 100 Menschen dazu bringen musste auch tatsächlich so zu gucken als wären sie auf einer Hochzeit unkontrollierte Schnappatmung. Wenn meine Mutter diese Dinge tat, dann schienen sie so leicht, doch nun, da ich sie übernehmen sollte, machten sie mir ne Scheißangst. Es ging weniger darum, dass ich mir all’ das nicht zutraute, schließlich hatte ich ihr schon gefühlt tausende Male dabei zugesehen, es war eher die Tatsache, dass meine Mutter nicht da war um mir dabei zur Seite zu stehen, wenn ich mich dieser Herausforderung stellte.

Meine Mutter war immer da gewesen. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Geschwister. Sie war diejenige, die immer bedingungslos an uns glaubte, egal wie die Umstände auch sein mochten. Sie war diejenige, die niemals einen Konflikt scheute, wenn sie das Gefühl hatte, etwas sei nicht in Ordnung und nicht aufgab bis die Dinge geklärt waren. Sie gab uns Sicherheit und Halt und auch wenn sie schon damals zuweilen vergaß, wo sie ihre Weihnachtsgeschenke versteckt hatte und wir deswegen manchmal zu Ostern noch ein zusätzliches, in Sternchenpapier eingewickeltes Geschenk öffnen durften, so war ich mir immer sicher: Wenn meine Mutter keine Lösung findet, dann findet sie niemand. Sie brachte mir ein solch selbstverständliches Vertrauen ins Leben bei, das sie selber nie verlor ganz egal wie hart es auf die Probe gestellt wurde, und dieses Lebensvertrauen brachte mich nun dazu, den Kopf zu heben, die Schultern zu straffen und „Lightroom-Bildbearbeitung“ in die Youtube Suchleiste einzugeben. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich würde das Handtuch werfen oder ich würde das Ding zum Laufen bringen. Ich entschied mich für Letzteres.

Die folgenden Tage, Wochen und Monate waren nicht leicht. Ich verbrachte ganze Nächte damit mir das beizubringen was ich nicht konnte und verzweifelte nicht nur einmal an meinem Vorhaben. Ich fotografierte mein erstes Familienshooting, dann meine erste Hochzeit alleine. Es folgte die zweite und die dritte und die vierte. Ich bearbeitete Bilder, anfangs streng nach Anleitung, später ging es mir immer leichter von der Hand. Ich überlebte den Wunsch eines Brautpaares, nämlich ein Bild das sie mit ALLEN Kindern der gesamten Gesellschaft zeigen sollte. Habt ihr schon mal versucht 12 Kinder Im Alter von drei Wochen bis zu fünf Jahren dazu zu bringen gleichzeitig irgendwo hin zu gucken? Na, dann wisst ihr warum ich sage „Ich hab’s überlebt“. Und meine Mutter kam zurück nach Hause.

Sie schlief am Tag mehrere Stunden und musste viele Dinge neu lernen. Es fiel ihr schwer zu akzeptieren, dass sie nicht mehr auf alte Erfahrungen zurückgreifen konnte, nicht nur einmal war sie der festen Überzeugung sie WISSE doch wohl GANZ GENAU was sie tue, nur um Minuten später festzustellen, dass sie vielleicht doch lieber nochmal nachfragen sollte. Einmal schnitt sie zwei gesamte Knollen Ingwer in die Gemüsesuppe und ließ sich dabei nicht mal im Ansatz beirren – bis sie hinterher probierte und erstmal zwei Gläser Wasser trinken musste. Einmal, es war eine der ersten Hochzeiten nach dem Schlaganfall die wir wieder gemeinsam begleiteten, begrüßte sie einen Bräutigam gleich zwei Mal im Abstand von ungefähr zehn Minuten. Sie hatte schlicht vergessen, dass sie es schon einmal getan hatte. Doch meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie sich davon hätte in die Knie zwingen lassen. Von nun an klebten an jeder freien Stelle Post-its mit wichtigen Notizen. Und weil sie zuweilen vergaß diese Post-Its auch tatsächlich zu benutzen, klebten überall noch mehr Post-Ist mit der klaren Aufforderung, die Post-Its zu lesen. Stück für Stück erkämpfte sie sich ihr altes Leben zurück und egal wie schwierig es wurde – und oh ja, das wurde es – sie gab niemals auf. Manchmal schien es, als wäre ihr unerschütterliches Lebensvertrauen erheblich ins Wanken geraten, und wahrscheinlich war es das auch. Doch es kippte nie ganz um.

Gemeinsam schafften wir es irgendwie die erste Zeit zu überstehen. Jeder von uns musste seine Grenzen erheblich verschieben, meine damals neunjährige Schwester Mia und die zwölfjährige Nele, ebenso wie mein Vater, mein Bruder und ich. Und natürlich meine Mutter, der es wohl am schwersten fiel, dass sie uns nicht so zur Seite stehen konnte wie sie es gerne getan hätte. Ich glaube, ihrem Schlaganfall, dem hätte sie recht anstandslos die Stirn bieten können, doch die Tatsache, dass er sie daran hinderte für ihre Kinder da zu sein, die brachte sie zuweilen an den Rande der Verzweiflung.

Doch ebenso wie wir alle dazu gezwungen wurden, etwas zu tun was wir noch nie getan hatten, so musste auch sie sich ihrer größten Herausforderung stellen und sich eingestehen, dass manches einfach nicht ging. Noch nicht. Gemeinsam arbeiteten wir uns Zentimeter für Zentimeter nach vorne. Ich gewann im Job mehr und mehr Sicherheit, begann neue Dinge auszuprobieren und im folgenden Jahr machten wir eine ganze Ecke mehr Umsatz als jemals zuvor. Meine Mutter und ich fanden unsere ganz eigene Art der Zusammenarbeit, ich erzählte ihr immer unsere Termine seien eine halbe Stunde früher als sie es tatsächlich waren, damit sie pünktlich kommen konnte und als sie das herausgefunden hatte und innerlich begann mit einzukalkulieren, legte ich eben noch eine halbe Stunde drauf. Meine Mutter bestand im Gegenzug immer darauf, die Dinge selber zu machen sobald sie auch nur ansatzweise in der Lage war sie wieder zu tun. Einmal musste ich sie zwingen mehrere Wochen am Stück Zuhause zu bleiben, damit sie sich auch mal ein bisschen erholen konnte und einmal musste sie mich zwingen für mehrere Wochen zu Hause zu bleiben. Das war kurz vor Frejas Geburt und ich WOLLTE eigentlich UNBEDINGT noch die letzten Hochzeiten im Juli fotografieren, schließlich hatte ich es ja GEPLANT. Das war der Moment an dem meine Mutter mich beiseite nahm, mir in die Augen blickte und sagte: „Inga, du bleibst ab jetzt Zuhause. Ich kriege das schon hin“. Und das tat sie. Denn das tut sie immer, schließlich ist sie meine Mutter.

Ich weiß noch genau wie damals der Anruf kam und mein Vater mir mitteilte, dass meine Mutter mit einem Schlaganfall im Krankenhaus lag. Ich kann mich an jedes einzelne Detail in unserem Wohnzimmer erinnern, und obwohl ich tatsächlich nicht mehr weiß wie ich mich in diesem Moment fühlte, so kann ich mich doch an so viele Emotionen aus der Zeit danach erinnern, der Zeit von der ich euch soeben erzählt habe. Es war eine Zeit voller Angst und Verzweiflung und Traurigkeit, aber auch voll mit Hoffnung und Entschlossenheit und so unglaublich viel Mut. Es war eine Zeit die uns vieles genommen aber auch vieles gegeben hat, eine Zeit in der meine Familie über sich hinausgewachsen ist. Eine Zeit die noch lange nicht vorbei ist, der wir es aber dennoch schulden einmal inne zu halten, Bilanz zu ziehen und stolz zu sein, einfach darauf, dass wir noch immer eine Familie sind. Und glücklich darüber, dass wir am Leben sind. Denn wenn das Leben anklopft und sagt: „Hey, ich bin nicht selbstverständlich“, dann hat man nun mal die verdammte Pflicht es auch niemals so zu behandeln als wäre es das.

 

 

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