Im Augenblick. | Du kannst das nicht. Oder doch?
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Du kannst das nicht. Oder doch?

„Du kannst das nicht“. Es ist, als würde das weiße Blatt Papier mich hämisch anstarren. Der Cursor blinkt spöttisch. Blink. Blink. Blink. Ich finde es klingt eher wie „Ha. Ha. Ha“. Ich weiß, dass Cursor generell eher weniger reden können, aber in meiner Phantasie führe ich manchmal ganze Streitgespräche mit Gegenständen oder ausgedachten Figuren. Freja und ich picknicken zum Beispiel regelmäßig mit ihrem Teddybär „Saruman“, dem Schaf „Schaf“ sowie unserer unsichtbaren Freundin Frau Rotkohl, benannt nach selbiger Person aus „Das Sams“. Frau Rotkohl ist generell mit allem und jedem unzufrieden, während Saruman und Schaf immer und generell alles mögen. Wir tun dann so, als wären unsere Reiswaffeln tatsächlich sehr lecker und sagen „Mhhhhh“ mit geschlossenen Augen, während wir herzhaft in sie reinbeißen – außer Frau Rotkohl, die verzieht das Gesicht, woraufhin ich sehr empört bin, lautstark mit ihr schimpfe und Freja sich totlacht. Keine Ahnung warum, irgendwie hat Frau Rotkohl schließlich Recht oder gibt es tatsächlich Menschen die Reiswaffeln lecker finden und nicht nur behaupten sie würden es tun, weil sie versuchen sich einzureden es sei besser auf gepufftem Reis ohne Zucker herumzukauen als auf frittierten Kartoffeln mit ganz viel Fett?

Aber zurück zum Thema. Mein Cursor lacht mich aus. Ich glaube das tut er wirklich, und ich kann es ihm nicht einmal verdenken, er hat schließlich allen Grund dazu. Seit einer geschlagenen Stunde sitze ich vor meinem Computer und versuche Gedanken auf Papier zu bringen für die ich keine Worte finde, nicht einmal Adjektive, und davon habe ich im Normalfall eine ganze Menge. Stattdessen zieht ein einzelner Satz vor meinem inneren Auge in Dauerschleife vorüber, wie auf einem von diesen Nachrichtensendern, wo unten immer die aktuellen Aktienwerte angezeigt werden: „Du kannst das nicht“. „Du kannst das nicht.“ „Du kannst das IMMER NOCH nicht.“ Dabei wollte ich nicht mal die Welt verändern oder versuchen zu verstehen warum Hugh Grant es mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck geschafft hat so erfolgreich zu werden, dass er sowohl Julia Roberts als auch Sandra Bullock küssen durfte. Ich wollte einfach nur einen völlig banalen Text schreiben. Einen Text den ich hinterher veröffentlichen wollte. Zusätzlich zu tausend Milliarden anderen Texten die bereits durch das Internet geistern. Zusammen mit unzähligen anderen Menschen die, ebenso wie ich, der Meinung sind, ihre Gedanken seien wertvoll genug sie mit Anderen zu teilen. Ich meine, echt jetzt? Wie zum Teufel bin ich überhaupt jemals auf die Idee gekommen so etwas Verrücktes zu tun wie zu SCHREIBEN? Ich hätte auch einfach in irgendeiner Behörde anfangen können, da wo es festgelegte Abläufe gibt und Vorschriften an die man sich halten kann. Da wo es keine leeren Blätter gibt, sondern lediglich Formulare mit Kästchen zum Ankreuzen und Lücken zum Ausfüllen. Obwohl, wenn ich so recht überlege ist Formulare auszufüllen ungefähr die gruseligste Aufgabe die ich mir vorstellen kann. Ich kann mich zumindest noch gut an meine Bafög Anträge erinnern bei denen ich regelmäßig an der Frage verzweifelt bin welche Zahl jetzt GENAU in welche Lücke gehört welche Beschreibung hinter welchem Kreuz nun meine Lebenssituation am besten beschreibt, immer mit dem panischen Gedanken im Hinterkopf BLOSS NICHT das Falsche anzukreuzen. Also, meinen Respekt an dieser Stelle für Menschen die sich täglich mit solch schweißtreibenden Aufgaben beschäftigen.

Ich blicke zurück auf das leere, weiße Blatt mit dem blinkenden Cursor und horche der Stimme die mich schon mein ganzes Leben lang begleitet: „Du kannst das nicht“. Immer wieder tauchte sie auf, meist dann, wenn ich etwas tat, dass mir wahrhaft am Herzen lag. Als ich mich dazu entschied, anstatt in einen sicheren Job mit Karriereaussichten zurückzukehren in meine Heimatstadt und dort gemeinsam mit meiner Mutter ein kleines Atelier für natürliche Portraitfotografie zu betreiben, sagte die Stimme: „Bist du eigentlich bekloppt? Warum machst du nicht was VERNÜNFTIGES? Du kannst ja nicht mal fotografieren.“ Als ich Franz traf und es schon nach kurzer Zeit so ernst wurde, dass dieser Mann mir so nahekam wie nie ein Mensch zuvor, sagte die Stimme: „Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Wie kannst du jemandem so sehr vertrauen, obwohl du ihn gar nicht richtig kennst? Das wird ganz übel enden, wenn du nicht aufpasst!“ Als wir dann darüber sprachen ein Kind zu bekommen, sagte die Stimme: „Echt jetzt? Hast du schon mal daran gedacht, dass ein Kind, wenn es einmal in dir drin ist da auch wieder RAUSKOMMEN muss?“.

Ja, es ist so eine Sache mit mir und dieser Stimme, uns beide verbindet eine Art Hassliebe. Sie taucht nämlich immer nur dann auf, wenn es wirklich so richtig ans Eingemachte geht, wenn mir etwas wirklich und wahrhaftig Angst macht. Und das ist nun mal immer nur der Fall, wenn auch wirklich etwas außerordentlich Lohnenswertes dahintersteckt. Als ich mich zum Beispiel kurz vor meinem Umzug nach Kempen, auf mehrere Jobs in deutschen Großstädten bewarb so sagte mir die Stimme, und ich schwöre sie klang, als würde sie dabei den Zeigefinger heben und durch eine halbmondförmige Brille, die man sich mit einer von diesen Ketten um den Hals hängen kann auf mich hinabblicken: „Das ist wirklich eine absolut kluge Idee. Eine sehr VERNÜNFTIGE Entscheidung.“ Ha. Vernünftig. Die besten Entscheidungen in meinem Leben haben sich angefühlt wie das absolute Gegenteil von vernünftig. Sie haben sich so dermaßen unvernünftig angefühlt, dass das Wort unvernünftig nicht mal ansatzweise ausreicht um zu beschreiben WIE unvernünftig sie sich angefühlt haben. Doch im Endeffekt haben sie mich verlässlich dorthin gebracht wo ich in meinem Leben die größte Erfüllung erfahren habe. Auch wenn mich mein gesamtes Umfeld, inklusive mir selber, mich auf dem Weg dorthin zuweilen für komplett durchgedreht gehalten hat.

Ich sitze noch immer vor meinem leeren Papier und der Cursor blinkt hämisch. Ich höre der Stimme zu, die da sagt: „Du kannst das nicht. Wie kommst du eigentlich auf die Idee, dass es auch nur irgendeinen Menschen interessiert was du hier schreibst? Was willst du damit eigentlich erreichen? Du hast außerdem schon ein Unternehmen und fotografieren kannst du wenigstens mittlerweile … mach doch EINFACH MAL WAS VERNÜNFTIGES.“ Ich lächle und fange an zu tippen. Wahrscheinlich hat die Stimme Recht. Ich bin man wieder nicht sonderlich vernünftig. Aber verdammt, es fühlt sich an als könnte etwas außerordentlich Lohnenswertes dahinterstecken.

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