Im Augenblick. | Ein Märchen.
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Ein Märchen.

Ein Märchen

 

Als Kind glaubten wir alle noch an Märchen. Wir waren naiv im besten Sinne, die Welt war ein Ort voller Wunder und unsere Träume dazu bestimmt, in Erfüllung zu gehen. Dinge, denen wir heute gar keine Beachtung mehr schenken, waren damals unser größtes Glück. Ein Erdbeereis essen und kleckern bis süße, rosafarbene Tropfen über unsere Wangen perlen. Schmetterlinge fangen, an Laternen hochklettern und an warmen Sommerabenden ausnahmsweise mal bis elf Uhr aufbleiben dürfen.

Als kleines Mädchen glaubte ich an Feen und Elfen. Ich war davon überzeugt, meine Wünsche würden in Erfüllung gehen, wenn ich nur fest genug dran glaubte. Eines Tages könnte ich die Welt verändern, in fremde Länder reisen und ganz bestimmt würde ich dann ein eignes Pony haben. Ich war arglos, mein Leben ein Spielplatz voller wunderbarer Möglichkeiten. Ich dachte nicht darüber nach was ich tat, ich tat es einfach. Ich vertraute meinem Gefühl. Blind.

Doch wie es wahrscheinlich jedem Kind einmal passiert, so geschah auch mir etwas, das mein Leben von einen auf den anderen Tag veränderte. Alles was vorher richtig gewesen war, war plötzlich falsch. Das, was ich einst klar und selbstverständlich gesehen hatte, erschien mir nun weit entfernt, als könne ich es nur schemenhaft durch einen milchigen Schleier erahnen. Was für mich immer die Wahrheit gewesen war, entpuppte sich als Lüge. Mein Vertrauen war wie vor den Kopf gestoßen und ich wusste nicht wie ich meinem Gefühl jemals wieder würde glauben können, hatte es mich doch so in die Irre geführt. Ich hatte geliebt, bedingungslos, und nun war es als wäre mein Herz eingeschlossen in einen hölzernen Kasten. Und ich konnte nichts dagegen tun.

Ich begann das Leben pragmatischer zu betrachten, realistischer wie ich dachte. Mein Verstand übernahm den Großteil meiner Entscheidungen und ich war fest entschlossen, mich nicht ein weiteres Mal von meinen Emotionen täuschen zu lassen. Ich fühlte mich sicher, doch gleichzeitig kam es mir vor, als würde ich mich selbst verraten. In Wahrheit wollte ich fühlen. Ich wollte lieben, lachen, vertrauen und einfach glücklich sein. Doch das war nicht so leicht, mit dem Herz in einer Kiste.

Ich wollte die Liebe, aber ich hasste all’ die Ängste und Zweifel, die damit verbunden waren. Ich wollte glücklich sein, aber niemals wieder traurig. Ich wollte mich auf das Abenteuer einlassen ohne das Risiko in Kauf zu nehmen. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich von Anfang an, dass diese Rechnung niemals aufgehen würde. Stück für Stück musste ich mich also meinen größten Ängsten stellen und Stück für Stück merkte ich, dass sie es nicht wert waren, auf mein Gefühl zu verzichten.

Nach und nach traute ich mich wieder zu träumen und daran zu glauben, meine Wünsche könnten in Erfüllung gehen. Ich schrieb sie auf, wagte sie laut auszusprechen und erntete dabei nicht selten die ein oder andere hochgezogene Augenbraue, nicht zuletzt von mir selbst. War ich nun völlig naiv und rannte einmal mehr blind in mein Unglück? Doch als ich einmal angefangen hatte, wurde es ein Ding der Unmöglichkeit wieder damit aufzuhören. Es kamen immer mehr Momente in denen ich handelte, ohne darüber nachzudenken, arglos und ausgelassen. Dann war ich hinterher stolz auf mich. Ich merkte, dass ich sie im Grunde niemals ganz verloren hatte, meine bedingungslose Selbstverständlichkeit und die Fähigkeit zu lieben.

Es ist beinahe ein bisschen verrückt, denn wenn ich ehrlich bin merkte ich nicht einmal, wie meine Wünsche ganz allmählich in Erfüllung gingen. Doch rückblickend betrachtet taten sie es, jeder einzelne Wunsch wurde wahr. Nur die Sache mit dem Pony habe ich irgendwann über den Haufen geworfen. Wenn ich heute lese, wovon ich damals träumte, erinnere ich mich an das Mädchen, das einmal an Einhörner glaubte und muss lächeln. Heute weiß ich, dieses Mädchen hatte schon immer Recht gehabt. Wünsche können in Erfüllung gehen, man darf nur nie aufhören an sie zu glauben.

 

KretschmerFotografie_513

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