Im Augenblick. | Eltern sein, Paar bleiben. Geht das?
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Eltern sein, Paar bleiben. Geht das?

Wie sehr traust du dich zu lieben? 

Wir kannten uns nicht mal ein halbes Jahr als wir zum ersten Mal darüber redeten unser ganzes Leben miteinander zu verbringen. Nach zwei Jahren kauften wir gemeinsam einen Verlobungsring und machten offiziell, was wir im Grunde schon von Anfang an wussten. Ein halbes Jahr später sagten wir „Ja“ und knapp fünf Wochen nach unserer Hochzeit stand ich morgens in unserem winzigen Badezimmer, in meiner Hand einen Schwangerschaftstest mit zwei Strichen.   

Man sagte uns nach, unsere Beziehung sei rasant und oh, das war sie. Franz stellte mich und mein Leben ganz schön auf den Kopf und gleichzeitig fügte er sich so selbstverständlich in es hinein, als hätte es nur auf ihn gewartet. Manchmal kam es mir vor als stünde mein Leben vor mir und sage: „Siehste, geht doch“, während es mich leicht überheblich von oben herab anblickte, wie jemand der weiß, dass er sich die Besserwisserei leisten kann. Es fühlte sich an, wie ich immer gedacht hatte, dass es sich anfühlen müsse. Es war großartig. Und gleichzeitig stellte es mich vor eine Herausforderung, von der ich nicht gedacht hatte, dass sie für mich zur Herausforderung werden würde: Die Herausforderung zu lieben. Ohne Sicherungsseil und doppelten Boden. Ohne Garantie und Gebrauchsanweisung. Dafür mit ziemlich viel Angst vor meinen eigenen Gefühlen. Als ich noch von der großen Liebe träumte hatte ich immer gedacht: „Wenn mich erst jemand so richtig liebt, dann verändert das mein ganzes Leben“. Aber so war es nicht, ganz im Gegenteil. Nicht Franz hat mein Leben verändert, sondern ich selbst. Es war die Tatsache, dass ICH geliebt habe, die meinen Traum wahr werden ließ. Ich habe mich drauf eingelassen. Auf ein Leben zu zweit, das nun ein Leben zu dritt geworden ist. Es war das beste was ich jemals gemacht habe. Und gleichzeitig war es das schwerste. Es zwang mich, mich meinem eigenen Scheiß zu stellen und Franz niemals die Schuld dafür zu geben wie ich mich fühlte, selbst wenn er etwas tat das mich verletzte. Es zwang mich Probleme anzugehen, ohne mich dabei in Vorwürfen und Erwartungen zu verstricken. Es zwang mich, mir selbst die Klarheit über meine Bedürfnisse zu verschaffen und herauszufinden, wie ich sie erfüllen konnte. Und es sorgte verlässlich dafür, dass egal welchen Problemen wir uns stellen musste, ich mich am Ende immer aufs Wesentliche besann: Ich liebte diesen Mann, mehr als alles andere auf der Welt.

Ich begriff damals, dass es tatsächlich nur auf eine einzige Sache ankommt, nur auf eine einzige Frage: Wie sehr traust du dich zu lieben?  

Ich liebte Franz, obwohl er Dinge tat dich ich nicht verstand. Obwohl er Dinge tat, dich mich verletzten. Obwohl wir uns stritten, uns die Nächte um die Ohren schlugen und uns zuweilen gegenseitig zur Verzweiflung brachten. Meine Liebe war nicht an Bedingungen geknüpft, an Forderungen oder Erwartungen. Sie war einfach da. Weil ich entschied, mich auf sie einzulassen. Zu meinem Glück traf Franz dieselbe Entscheidung und so haben wir es geschafft einen Weg zu finden unser Leben wahrhaft zu zweit zu führen. Als Paar. Und heute auch als Eltern.  

Ein Kind als Bewährungsprobe für die Beziehung?  

Ein Kind sei die größte Herausforderung für eine Beziehung, sagt man. Wo Zeit und Geduld auf der Strecke blieben, zögen stattdessen Konflikte und Entfremdung ein, sagt man. Wenn ein kleiner Mensch auf einmal zum Mittelpunkt eines ganz neuen Lebens wird, dann sei Schluss mit Romantik, mit einem funktionierenden Liebesleben und auch mit der Zweisamkeit. Sagt man. Auch ich hatte Angst vor der Veränderung, mochte ich doch unsere Beziehung genau so wie sie war, aber obwohl sich mit Frejas Geburt unser Alltag natürlich drastisch veränderte, so wurde die Grundlage unserer Beziehung nur noch tiefer. Und das ist es doch, worauf es am Ende ankommt.  

Natürlich war es eine Herausforderung für uns, als wir plötzlich eine Familie waren. Natürlich wurden wir mit ganz neuen Problemen konfrontiert. Natürlich war es manchmal auch ziemlich hart. Aber das war es ja vorher auch schon gewesen. Im Grunde taten wir nichts anderes als das war wir immer getan hatten: Wir übernahmen Verantwortung, jeder für sich und gemeinsam für Freja. Wir suchten nach Lösungen bis wir welche gefunden hatten, schlugen uns Nächte um die Ohren und brachten und gegenseitig zur Verzweiflung. Und dann besannen wir uns auf die Tatsache, dass wir uns liebten. Ohne Bedingungen, Forderungen oder Erwartungen. Ja, es war schwieriger, zu dritt als es noch zu zweit gewesen war, aber wir griffen auch auf mehr Erfahrung zurück, auf Vertrauen das wir uns bereits erarbeitet hatten und auf Wege die wir schon kannten.  

Und so sind Liebe und Verantwortung wohl meine Schlüsselworte, wenn es darum geht, als Eltern auch noch eine funktionierende Paarbeziehung zu führen. Ich halte es für kompletten Blödsinn, Dinge zu tun die gemeinhin geraten werden, wie sich wöchentliche Dates zu suchen oder Abends in die Badewanne zu gehen um zu entspannen, denn jede Beziehung ist unterschiedlich, Bedürfnisse ändern sich oft täglich und ich kann von mir sagen, dass ich Zweisamkeit mit Franz zwar unheimlich genieße, aber nur wenn sie auch in unseren Alltag passt. Ein fester Termin zum “Ausgehen” würde mich (und vor allem ihn) wohl eher stressen. Wenn wir hingegen mal zu zweit weggehen, weil es sich ergibt, es grade passt, dann ist das ziemlich großartig. Genauso gibt es Tage, an denen brauche ich dringend Entspannung, die kriege ich aber nur sehr selten in der Badewanne. Manchmal hilft es mir zum Sport zu gehen und mich komplett zu verausgaben. Manchmal brauche ich fünf Minuten in Franz Armen. Manchmal muss ich einfach drauflos reden. Manchmal geht es nicht anders als ein Problem zu lösen das mir auf der Seele brennt. Manchmal muss ich Ordnung schaffen. Und sehr oft brauche ich die Zeit als Familie. Weil Zeit die wir zu dritt verbringen, verbringen wir nun einmal ebenso zu zweit.  

Ich kann also im Grunde gar nicht sagen, wie wir es schaffen ein Paar zu bleiben, auch wenn wir jetzt Eltern sind, denn ich finde diese Unterscheidung ehrlicherweise ziemlich absurd. Wir sind schließlich Eltern UND Paar. Ich bin Ehefrau UND Mutter. Und ich liebe beides.  

Trotzdem habe ich mich einmal mit Franz zusammengesetzt und ein paar Dinge auf den Punkt gebracht die wir tun um unsere Beziehung gemeinsam weiterzuentwickeln, sie lebendig zu halten, sodass sie für immer das Fundament unserer Familie bilden kann. Hier sind sie:

Jeder übernimmt die kompromisslose Verantwortung für sich selbst. Ich verlange niemals von Franz, dass er meine Bedürfnisse erfüllt, sondern spreche sie konkret an. Auch wenn er etwas tut das mich verletzt, mache ich ihm keine Vorwürfe sondern versuche herauszufinden WARUM mich sein Verhalten verletzt. Ist es wirklich, das war es getan hat? Oder fühle ich mich mies, weil ich sein Verhalten oder die Gefühle die es in mir auslöst aus meiner eigenen Vergangenheit oder früheren Beziehungen kenne? Meistens setzen wir uns so lange gemeinsam hin, bis wir genau herausgefunden haben was los ist. Auch wenn wir uns dabei streiten, das mit dem “keine Vorwürfe machen” zeitweise über Bord werfen oder es eine gefühlte Ewigkeit dauert. Denn …  

… wir geben niemals auf die Dinge zu klären, bis sie tatsächlich geklärt sind. Am Ende muss es sich gut anfühlen. Und auch wenn einer von uns zwischenzeitlich das Handtuch wirft, oder kurz mal aussteigt, raufen wir uns immer wieder zusammen.  

Wir streiten uns nicht wegen Kleinigkeiten. Kein Streit wegen falsch eingeräumter Spülmaschine, wegen Krümeln auf dem Boden oder nassen Handtüchern. Niemals, das ist es echt nicht wert. Wir wissen um die kleinen “Macken” des jeweils anderen und wissen auch, dass jeder von uns versucht Rücksicht darauf zu nehmen. Klappt das mal nicht, dann macht man’s halt kurz selbst. Statt also einen Streit vom Zaun zu brechen, schnappe ich mir den Staubsauger oder Franz räumt die Spülmaschine neu ein.  

Wir treffen alle Entscheidungen gemeinsam. Auch wenn wir eine klare Aufgabenteilung haben, so beziehen wir den anderen kompromisslos in unseren Alltag ein.

Wir küssen uns. Viel. Oft. Ich bin diejenige die dafür sorgt.  

Wir akzeptieren unsere Unterschiede. Wir haben oft komplett verschiedene Bedürfnisse. Wir versuchen dem anderen den Rücken dafür freizuhalten und sind bereit Kompromisse zu schließen, wenn sie sich zu sehr in die Quere kommen.

Wann immer wir die Möglichkeit dafür haben, gehen wir gemeinsam feiern. Geburtstage, Schützenfest, Karneval, was auch immer. Auch wenn die Gelegenheiten nicht mehr so oft da sind, wenn eine kommt, dann ab dafür.

Wir nutzen die Zeit aktiv, die wir zu zweit haben. Sei es Frejas Mittagsschlaf am Wochenende, die Abende wenn sie schon früh zu Bett geht oder Momente in denen sie alleine spielt. Dann wird weder aufgeräumt, noch eingekauft noch sonst irgendwas Alltägliches gemacht, sondern wir verbringen diese Zeit zusammen.  

Es gibt keine verbindlichen Dates oder Rituale. Wir sind uns bewusst, dass jeder Tag anders ist und nehmen die Dinge wie sie kommen.

Wir wertschätzen den Beitrag, den der Andere für unsere Familie leistet. Franz stemmt den finanziellen Löwenanteil, ich kümmere mich die meiste Zeit um Freja. Ich bin unheimlich dankbar, dass Franz für unsere Sicherheit sorgt und sage und zeige ihm das indem ich ihm den Rücken freihalte und ihn dabei unterstütze. Umgekehrt gilt natürlich dasselbe.

Und zu guter Letzt sorgen wir dafür, dass egal wie viel Chaos herrscht, wir uns beieinander fallen lassen. Dass wir offen bleiben und uns aufs Wesentliche besinnen.  

So, das war’s. Vielleicht zählt es noch, dass ich mir einfach einen Mann gesucht habe, bei dessen Anblick mir noch heute manchmal die Knie weich werden und den ich noch immer ungeheuer attraktiv finde. Vor allem wenn ich ihm dabei zugucke wie er mit unserer Tochter irgendeinen Blödsinn veranstaltet. So ein Ehemann der gleichzeitig Vater ist – das hat definitiv was für sich.  

 

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