Im Augenblick. | Erziehung – meine Maßstäbe und Prinzipien. Oder auch nicht.
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Erziehung – meine Maßstäbe und Prinzipien. Oder auch nicht.

Als Freja geboren wurde, da drehte sich mein Leben plötzlich um nichts Anderes mehr als um dieses winzige Mädchen, das auf so vollkommen verrückte Weise aus Franz und mir entstanden und auf die Welt gekommen war, dass ich es gar nicht wirklich begreifen konnte. Ich war Mutter. Franz und ich waren Eltern. Freja, Franz und ich waren eine Familie. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor der Geburt plötzlich panische Angst davor bekam, wie es wohl sein würde mit „dem Baby“ alleine zu sein. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon wie ich einen Säugling hochheben sollte, woher zum Teufel sollte ich wissen wie es funktioniert, dieses Mutter-Ding? Ich sagte Franz damals, es täte mir Leid, er könne leider nie wieder arbeiten gehen, schließlich könne er mich nicht einfach so alleine lassen mit einem Baby. Er lachte nur, und sagte: „Du machst das schon“. Und auch wenn ich es damals schon ahnte, so weiß ich es heute sicher: Er hatte Recht.

Ich machte es, das Mutter-Ding. Irgendwie. Ohne Plan. Ohne Wissen. Ohne Checkliste oder Ratgeber. Hatte ich mir in der Schwangerschaft noch jedes Buch durchgelesen, das mir in die Hände fiel, so schaffte ich nach Frejas Geburt niemals mehr als die drei ersten Seiten in irgendeinem Erziehungsbuch. Ich kann euch auch nicht sagen, warum. Es war einfach so.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir tatsächlich nie wirklich Gedanken über Erziehung gemacht. Erziehe ich mein Kind? Oder tue ich’s nicht? Erzieht sie vielleicht mich? Was ist das überhaupt – Erziehung? Ich könnte euch hier jetzt eine Definition liefern, aber das lass’ ich lieber bleiben, denn das bringt und weg vom Kern der Sache, der für mich nämlich lautet: Es ist mir schnurzpielegal wie ich mein Kind erziehe, ob ich’s überhaupt tue oder ob es umgekehrt ist. Ich weiß nicht ob es einen Namen gibt für das was ich tue, oder Regeln oder Maßstäbe. Ich tu’s einfach. Wir leben zusammen und im Grunde ist das alles. Zusammenleben. Mit Höhen und Tiefen. Mit Problemen und Lösungen. Mit Gebrüll und Lachen. Mit neuen Wegen, Veränderung, mit Ängsten und Sorgen und Glück und Zusammenhalt. Ich empfinde es als das größte Privileg meines Lebens, dass ich meiner Tochter dabei zur Seite stehen darf wie sie nichts anders tut, als einfach nur zu leben. Denn sie weiß ganz genau wie’s geht. Und ich bin es die es sich von ihr abguckt.

Meine eigene Mutter hat immer gesagt: „Auch wenn dein Kind dich mit seinem Verhalten in den Wahnsinn treibt, so tut es das zu Recht. Du musst nur herausfinden was es dir sagen will.“ Und das ist wohl auch mein wichtigster Maßstab wenn es um mich als Mutter geht. Es ist nicht meine Aufgabe meine Tochter zu beeinflussen, ihr zu helfen oder irgendetwas zu tun, dass sie verändert. Denn wenn ich mich frage, was ich mir für sie im Leben wünsche so merke ich jedes Mal, dass sie all’ das bereits ist. Sie ist selbstbestimmt und vertritt ihre eigene Meinung. Sie ist liebevoll, hat keine Angst vor ihren eigenen Emotionen, sondern nimmt sie wie sie kommen. Sie ist mutig und vorsichtig zugleich, fürchtet es nicht Fehler zu machen und ist unermüdlich wenn sie etwas lernt. Sie kann ihre Gefühle ausdrücken, nach ihnen handeln, glaubt an sich selbst und ich glaube sie weiß, dass sie es wert ist unendlich geliebt zu werden. Ich könnte diese Liste noch ewig fortsetzen und das würde es nur noch mehr bestärken: Meine Tochter muss nichts lernen, zumindest nichts was von Bedeutung ist. Meine Aufgabe ist es lediglich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass das so bleibt. Und verliert sie ein Stück ihrer Selbstverständlichkeit, dann muss ich der Sache auf den Grund finden und ihr dabei helfen zurückzufinden, zu sich.

Ich finde das ist eine riesengroße Verantwortung und eine Aufgabe die alles andere als leicht ist, zumal meine Tochter so clever ist, dass sie ganz genau weiß wo meine eigenen Knackpunkte liegen und wie sie meine Knöpfe drücken kann. Doch es ist nur gut wenn sie mich zuweilen in den Wahnsinn treibt, denn das zeigt, dass sie auf mich zählt, dass sie mich auffordert etwas zu tun. Und egal wie beschissen und anstrengend es ist, darauf zu hören: Ich tu’s. Immer.

Verantwortung ist also wohl das wichtigste Wort, wenn ich darüber rede was mir wichtig ist, bei der Erziehung meiner Tochter. ICH trage die Verantwortung für unsere Beziehung. Immer. Egal was sie tut. Egal, wie sehr mich ihr Verhalten anstrengt, verletzt oder fordert. Egal, welche Gefühle es in mir auslöst. Es ist MEINE Verantwortung mit ihnen umzugehen und vielleicht auch für uns gemeinsam neue Wege zu finden. Ich bin die Mutter. Sie ist das Kind. Ich muss zum Beispiel auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass alles was ich mir für sie wünsche, erst einmal für mich gilt. Denn wie will ich ihr zeigen wie es ist, sich selbst wertzuschätzen, wenn ich es nicht tue? Wie will ich ihr klarmachen, eine tiefe und liebevolle Beziehung zu führen, wenn ich es ihr nicht zeige? Wie will ich ihr beibringen, dass sie im Leben Träume verwirklichen kann, wenn ich meine hintenanstelle? Und so, habe ich tatsächlich erst mal einen ganzen Haufen Arbeit, der nichts damit zu tun hat, dass ich meiner Tochter Tischmanieren beibringe oder sie um acht ins Bett stecke. Ich glaube nämlich, darauf kommt es überhaupt nicht an.

Ich glaube, man kann sein Kind mit vielen Regeln und Grenzen erziehen und trotzdem schaffen, es dabei sein zu lassen wie es ist. Man kann auch sämtliche Ratgeber gewissenhaft anwenden, aber wenn man sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt, bringt das alles nichts. Ich glaube jede Familie muss ihren ganz eigenen Weg finden und das bedeutet Auseinandersetzung bis ans Ende seines Lebens. Das bedeutet, die Dinge vielleicht anders zu machen als es der Norm entspricht. Oder auch genau so. Ich habe gelernt, dass ich ganz genau fühlen kann, wenn etwas in Ordnung ist. Und auch, wenn es das nicht ist. Meine Tochter ist mein Wegweiser. Immer.

Hier sind auch nochmal zusammengefasst ein paar Alltagsbeispiele, die vielleicht deutlich machen wie ich versuche unser Zusammenleben so zu gestalten, dass es uns allen dabei gut geht. Die Liste könnte noch ewig weitergehen, aber das würde hier der Rahmen sprengen. Deswegen jetzt ein kleiner Auszug, der Dinge die mir bei Frejas Erziehung wichtig sind:

  1. Ich nehme sie ernst. Egal ob sie hinfällt, ob sie wütend ist oder traurig, Angst hat oder ob sie der Meinung ist, ich solle ihr zuhören. Egal ob das Hinfallen vom weitem nicht so schlimm aussah, ob ich ihre Emotionen verstehen kann, oder ob ich ihr schon zwei Stunden lang zugehört habe – ich nehme sie ernst. Ich würde niemals sagen „Ist nicht so schlimm“. Ich frage sie stattdessen: „Hast du dir wehgetan“, verarzte sie, egal ob es eine Wunde gibt oder nicht. Ich frage sie warum sie wütend oder traurig ist, tröste sie, halte es aus, wenn sie weint oder schreit ohne den Versuch sie immer abzulenken. Ich höre ihr zu, egal wie lange sie mich dafür braucht. Und wenn ich keine Zeit habe, dann erkläre ich es ihr und versuche eine Lösung zu finden, denn …
  2. … ich treffe Entscheidungen und stehe zu ihnen, auch wenn sie Freja traurig oder wütend machen. Ich sage nicht „Ich muss arbeiten“ sondern „Ich will arbeiten“. Ich sage nicht: „Da darf man nicht runterspringen“, sondern „Ich will nicht, dass du da runterspringst“. Ich sage nicht: „Kinder gehen früh schlafen“, sondern „Ich möchte, dass du ins Bett gehst“. Natürlich ist Freja mit meinen Entscheidungen nicht immer einverstanden. Sie weint oder ist wütend, doch dann kann ich ihr helfen damit umzugehen, kann sie trösten, ihr sagen, dass ich sie verstehe, oder …
  3. … ihr erklären warum ich mich so entschieden habe. Ich erkläre ihr jede meiner Entscheidungen, meistens sehr, sehr oft. Sie hatte mal eine Zeit, da war ich gefühlt nur am erklären, warum ich was nicht möchte oder warum die Dinge gefährlich sind. Sie hat alles ausprobiert, meist schätzungsweise hundertfach. Trotzdem erkläre ich ihr die Dinge wieder und wieder und unabhängig davon, ob ich denke sie versteht sie oder auch nicht. Alleine die Tatsache DASS ich mir die Zeit nehme und sie immer wieder ernst nehme, sorgt dafür, dass sie nicht das Gefühl bekommt, etwas falsch gemacht zu haben. Außerdem muss ich mich so laufend hinterfragen, ob das was sie möchte WIRKLICH z.B. gefährlich ist, oder ob ich einfach aus Reflex handele. Meistens haben die Dinge die Freja tun möchte nämlich ihre absolute Berechtigung.
  4. Trotzdem gibt es Dinge, in denen bin ich kompromisslos und fordere von Freja, dass sie sich an bestimmte Regeln hält. Auch hier erkläre ich ihr immer wieder warum. Das sind zum Beispiel Dinge die gefährlich sind, wie alleine aus der Haustür laufen (wir wohnen direkt an der Straße) aber auch Dinge die mir persönlich wichtig sind, wie dass sie in der Regel Abends um acht schläft oder auch mal eine Zeitlang für sich alleine spielt. Ich halte auch hier aus, wenn sie darauf erstmal keine Lust hat und auch mal ein bisschen knatscht. Aber ich lasse sie dabei nicht alleine, biete ihr an, mir zu helfen, bleibe trotzdem bei meiner Entscheidung nicht mit ihr zu spielen.
  5. Ich sage ihr jeden Tag mehrere Male, dass ich sie liebe.
  6. Ich handle aus meinem eigenen Gefühl heraus und pfeife auf Normen oder Dinge die „man halt so tut“. Niemand, absolut niemand außer mir und meiner Familie ist in der Lage über unser Leben zu urteilen. Denn jeder ist verschieden, hat verschiedene Bedürfnisse, unterschiedliche Vergangenheiten.
  7. Ich hinterfrage alle meine Entscheidungen und Prinzipien regelmäßig. Ich bin immer bereit sie anzupassen, zu optimieren oder komplett über den Haufen zu werfen, wenn sich die Umstände ändern.
  8. Ich mache Fehler. Jeden. Einzelnen. Tag. Nur allzu oft werde ich von meinen eigenen Emotionen überrannt und bin nicht in der Lage so zu reagieren wie ich es hier aufgeschrieben habe. Und das ist vollkommen okay. Ich bin deswegen keine schreckliche Mutter. Im Gegenteil. Dass ich Fehler mache, zeigt einfach nur, dass ich mich auseinandersetze, dass unsere Beziehung in Bewegung ist und dass ich mich weiterentwickle. Und das ist das Wichtigste.
  9. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann entschuldige ich mich. Habe ich schon immer gemacht. Auch als Freja erst wenige Tage alt war und ich sie mit dem heißen Föhn fast verbrannt hätte.
  10. Ich treffe jede einzelne Entscheidung gemeinsam mit meinem Mann. Wir sind gemeinsam Frejas Eltern und auch wenn wir uns nicht immer einig sind, dann ist es an uns, einen Konsens zu finden. Auch diese Auseinandersetzung als Paar sorgt immer wieder dafür, dass sowohl Franz als auch ich unser Verhalten und unsere Maßstäbe laufend hinterfragen müssen und wir es so schaffen können unser eigenes Lebenskonzept zu entwickeln, unabhängig von „automatisierten Verhaltensweisen“ die wir von unseren Eltern übernommen haben, „weil es halt so war“. Wir zwingen uns quasi selbst dazu BEWUSST zu handeln.

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