Im Augenblick. | Freja Hanka – Die Geburt unserer Tochter.
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Freja Hanka – Die Geburt unserer Tochter.

Es war der 26. Juli 2016. Der Stichtag für eine Geburt im Geburtshaus. Denn von nun an galt unser Baby nicht mehr als Frühchen. Drei Wochen lang hatte ich auf diesen Tag gewartet. Drei Wochen in denen die strikte Anweisung lautete: „Absolute Schonzeit“, denn ich hatte immer wieder vorzeige Wehen und die Kleine drohte sich zu früh auf den Weg zu machen. Doch was soll ich sagen – nach drei Wochen Nichtstun hatte ich die Nase gestrichen voll vom schwanger sein. Und zwar so richtig. Drei Wochen lang schwang bei jeder kleinen Wehe die Angst mit, mein Baby würde zu früh kommen. Und jetzt war der Tag da, an dem sie kommen durfte. Endlich, und auch wenn wir eigentlich erst für Mitte August ausgezählt waren, wartete ich nun plötzlich ungeduldig auf jedes noch so kleinste Geburtsanzeichen (und davon gab’s ne Menge). Denn wenn man dauernd hört „Uhhh, sie könnte kommen“, dann rechnet man nun auch damit, dass sie kommt. 

Und dann? Ja, dann kam nichts. Rein gar nichts. Wo ich den Großteil des Tages zuvor noch auf der Couch verbracht hatte, weil sich mein Bauch in regelmäßigen Abständen zusammenzog, schien nun mein ganzer Körper zu rufen „Ätsch, verarscht“. Ich war frustriert. Und verurteilte mich selbst dafür, schließlich sollte ich doch glücklich sein über jeden einzelnen Tag den meine Tochter noch im Bauch verbrachte. Das würde ihr guttun. Nützte nichts. Ich war trotzdem frustriert. Naja, zumindest hatte ich nun kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mich nicht penibel an mein Schonprogramm hielt (ein paar „Ausnahmen“ hatte ich schon vorher eingebaut). Und außerdem gab es Eis. Viel Eis. 

Auf eine Geburt zu warten ist ein seltsamer Zustand. Es gibt keinen konkreten Termin, es gibt zwar Anzeichen, aber die müssen nichts bedeuten und zu allem Überfluss hat man zwar eine theoretische Beschreibung, nicht aber eine wirkliche Vorstellung von dem, was einen erwarten wird. Für mich war diese Warterei echt nervenaufreibend. Ich hätte lieber ´ne Deadline gehabt. Oder zumindest jemanden der mir sicher sagt „Jetzt geht’s los“. Ja, und so kam es dann auch. Zumindest fast, denn wenn du dir bei einer Sache sicher sein kannst, dass du in den nächsten 24 Stunden dein Kind bekommst, dann ist es wenn die Fruchtblase platzt. Und genau das passierte. Am Mittwoch Abend um elf Uhr sagte ich zu Franz: „Du, es hat Plopp gemacht in meinem Bauch“. 

Ein „Plopp“ in meinem Bauch. Besser lässt sich das Gefühl einer platzenden Fruchtblase nicht beschreiben. Mein Mann konnte mit dieser Erklärung allerdings nicht so viel anfangen. Er brummte im Halbschlaf bloß „Mmhhh..“, zog mich zurück in seine Arme und wollte weiterschlafen. Doch dafür war ich viel zu aufgeregt. War dieses „Plopp“ tatsächlich das was ich dachte? War das die Fruchtblase gewesen? Würde ich heute Nacht mein Kind bekommen? Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch als auch nach ein paar Minuten nichts passierte, beruhigte ich mich ein wenig. „Wahrscheinlich wieder Fehlalarm“, dachte ich und versuchte es Franz gleichzutun und auch noch mal die Augen zu schließen. Nur um sie wenige Augenblicke wieder aufzureißen. Das Laken war nass. Ich sprang auf, rannte ins Bad und kurze Zeit später war klar: Fruchtblase geplatzt. Es ging los. Ohgottohgotthogott. Franz war mittlerweile auch hellwach und nicht weniger aufgeregt. Trotzdem hielt er mich fest, während ich planlos durch die Wohnung rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn, nahm mein Gesicht in beide Hände und zog es ganz nahe an seines. „Wir bekommen ein Baby“, murmelte er. Dann küsste er mich. Dieser Moment war wunderschön. Es waren unsere letzten Stunden zu zweit, das wurde mir nun klar. Und ich würde ein Kind gebären. Unser Kind. Ich hatte die Tränen in den Augen stehen während ich meinen Mann ansah, ihn küsste und mich in seine Arme fallen ließ. Ich freute mich. Und ich hatte Angst vor dem was passieren würde. Jetzt wurde es ernst. 

Wehen hatte ich nun auch, die kannte ich zumindest schon mal aus den letzen Wochen. Aber ich hatte keine Ahnung wie heftig sie werden mussten um eine Fahrt ins Geburtshaus zu rechtfertigen. Ich rief also meine Hebamme an und schilderte ihr die Situation. Sie sagte, wir sollten ruhig noch eine Weile zu Hause bleiben und versuchen zu schlafen. Okay. Aber echt mal – wie sollte ich jetzt schlafen? Ich würde mein Baby bekommen, achtete aufgeregt auf jedes noch so kleinste Signal meines Körpers. Wann sollte ich los? Ich hatte keine Ahnung. 

Das letzte Bild mit Babybauch

Die Wehen wurden immer stärker (fand ich zu diesem Zeitpunkt zumindest) und weil ich mir einfach nicht sicher war (schließlich war mein Gebärmutterhals schon verstrichen und ich wusste nicht wie sich Geburtswehen denn nun wirklich anfühlten) griff ich wieder zum Telefon: „Wir kommen“. 

Jetzt ging es erst wirklich los für mich. Anziehen, Tasche greifen, noch fünf Minuten auf dem Sofa in Franz Armen. Ab ins Auto, losfahren. 500 Meter später bemerken dass Franz seine Butterbrote vergessen hatte. Nochmal umkehren – ohne Stulle geht gar nichts. Wieder losfahren. Zwischendurch immer wieder eine Wehe die ich mit

Festhalten am Autogriff aushalten konnte (jetzt weiß ich endlich wofür die Dinger überm Fenster gut sind). Ankunft im Geburtshaus, es war ein Uhr nachts. Untersuchung. Und dann die Ernüchterung: Muttermund ist erst einen Zentimeter offen.  Wenn wir wollten könnten wir auch noch mal nach Hause fahren. Peng, das saß. Wie zum Teufel sollte ich weitere 9 Zentimeter überstehen? 

Wir fuhren nicht nach Hause, sondern verbrachten die Nacht im Geburtshaus in einem Zimmer mit Kerzenschein und Doppelbett. Wenn ich ehrlich bin, war es mir schon zu diesem Zeitpunkt herzlich egal wo ich war. Hauptsache Franz war bei mir. Und das war er. Er hielt mich fest wenn die Wehe kam. Er döste kurz während der Pausen. Und als ich ihm irgendwann tränenüberströmt sagte, ich wolle jetzt wirklich endlich gehen und aufhören mit der ganzen Sache, brachte er mir irgendwie bei dass das nicht ging. Dass ich es schaffen würde. 

Morgens um sechs waren die Wehen so stark und regelmäßig, dass ich die Hebamme im Nebenzimmer um eine erneute Untersuchung bat. Ich war mir sicher, mindestens die Hälfte hatte ich bestimmt geschafft. Als sie mir dann sagte, der Muttermund wäre nun bei zwei Zentimetern fühlte sich das an wie ein Schlag ins Gesicht. Trotzdem war ich noch immer sehr beherrscht und kontrolliert. Versuchte die ganze Sache mit dem Kopf zu steuern. Ließ mich nicht wirklich auf meinen Körper ein. Die Wehen stoppten. Und dann beschlossen wir ins Krankenhaus zu fahren. Die Fruchtblase war schon mehrere Stunden auf, die Geburt ging nicht voran und die Kleine war deutlich vor dem Termin unterwegs. Im Nachhinein war dieser Beschluss das Beste was mir passieren konnte. 

Jetzt lief eh nichts mehr nach Plan und ich wurde gezwungen den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Auf der Fahrt ins Krankenhaus platzte der Knoten. Mir liefen die Tränen nur so übers Gesicht und ich glaube alles was ich in meinem Leben je an Ängsten gespürt hatte, kam nun an die Oberfläche. Ich ließ es einfach zu. Und danach ging alles rasant schnell. 

Krankenhaus. Aufnahme. Ultraschall. Schon auf dem Weg in den Kreißsaal wurden die Wehen so heftig, dass ich nicht mehr laufen konnte, sondern mich mit meinem gesamten Gewicht an Franz Hals hing. Die nächste Untersuchung ergab dass sich der Muttermund innerhalb einer halben Stunde auf fünf Zentimeter geöffnet hatte. Mittlerweile lag ich auf einer Art Gebärbett (nennt man das so?) und war wie unter Drogen. Ich tat alles was man mir sagte: Entspannen in der Wehenpause. Veratmen. „Tönen“ ( ich nenne es eher brüllen). Ich musste das jetzt einfach irgendwie überstehen und nur der Gedanke dass es irgendwann vorbei sein würde, ließ mich durchhalten. Das einzige was wichtig war, war Franz der mich festhielt, mir gut zuredete, der einfach bei mir war. 

Es brauchte zwei Stunden im Krankenhaus in denen sich der Muttermund von zwei auf zehn Zentimeter öffnete. Dann begannen die Presswehen. Der Druck war so stark, dass ich nicht mehr wirklich unterscheiden konnte, wann eine Wehe da war und wann nicht. Ich hörte nur noch auf das Kommando („Schieben“ und „Pause“) meiner Hebamme. Ich hatte sämtliches Zeitgefühl verloren. Da war nur noch dieser Schmerz und Franz‘ Stimme die mir immer wieder sagte „Du schaffst das“. Wieder und wieder. Und dann war sie da. Klein und blau und schreiend lag meine Tochter vor mir. Auf Schlag war alles vorbei. Und ich vollkommen perplex. Ich konnte es nicht fassen. Ganz vorsichtig, mit dem Zeigefinger berührte ich ihren winzigen Arm. Dabei muss ich dauernd gesagt haben: „Oh Gott, Franz siehst du das auch? Das ist unser Baby. Franz, siehst du das?“. Ich war vollkommen überrascht. Total geplättet. Und ziemlich verwundert. War’s das jetzt? War das jetzt echt meine Tochter? Es war vollkommen verrückt. 

Ich war so perplex, dass ich nicht mal auf die Idee kam sie hochzunehmen und die Hebamme legte sie schließlich in meine Arme. Meine Freja. Unser Kind. Ich sah sie nur an. Traute mich mehr und mehr sie zu berühren. Konnte mich nicht entscheiden was ich fühlen sollte, es war einfach alles so schnell gegangen und nachdem ich die letzten Stunden einfach nur durchgehalten hatte, konnte ich es nicht fassen dass ich es nun wirklich geschafft hatte. Aber es war wirklich. Ich hatte es geschafft. Wie, wusste ich selber nicht, aber das Ergebnis lag nun in meinem Arm. Das perfekteste Kind der Welt. Freja. 

Die ersten Stunden verbrachten wir gemeinsam im Kreißsaal. Die erste Zeit als Familie. Die Hebamme brachte uns Frühstück. Ich lag in Franz Armen und wir betrachteten unsere Tochter. Es war noch immer unwirklich, aber je mehr Zeit verging, desto mehr konnte ich es fassen: ich war nun Mutter. Doch irgendetwas stimmte nicht. Freja behielt ihre blaue Hautfarbe. Sie machte keine Anstalten zu trinken. Oder die Augen zu öffnen. Die Hebamme wurde immer nervöser. Der Kinderarzt war sich auch nicht sicher. Irgendetwas ist da, sagte er. 

Wir beschlossen erst einmal bis zum Abend im Krankenhaus zu bleiben und dann weiterzusehen wie es der Kleinen ging. Zum Glück bekamen wir ein Familienzimmer und so verabschiedeten wir uns aus dem Kreißsaal. Auf einem dieser schönen Rollbetten wurde ich den Gang entlang geschoben, meine Tochter in den Armen. Als wir am „Kinderzimmer“ vorbeifuhren, nahm die Hebamme mir Freja aus der Hand. „Nur noch eine kurze Untersuchung, die Schwester bringt sie gleich zurück“, hieß es. Okay, das war in Ordnung. Doch als zwanzig Minuten später noch immer niemand gekommen war, spürte ich das erste Mal was es nun hieß Mutter zu sein. Ich wurde nicht nur unruhig, sondern fast schon panisch. Meine Tochter musste doch bei mir sei. Franz ging nachsehen. Als er zurückkam beruhigte er mich: „Die haben grade Übergabe. Da kommt gleich jemand“. Weitere zwanzig Minuten später kam tatsächlich eine Schwester. Allerdings ohne unser Kind, stattdessen mit den Worten:“Kommen Sie mal mit auf die Intensivstation“. 

Wir hatten keine Ahnung was los war. Die Schwester auch nicht, sie war nur gekommen um uns den Weg zu zeigen. Wir waren beide unter Schock, murmelten nur „Ja klar … Sofort“, besorgten einen Rollstuhl und ohne ein Wort zu sagen schob Franz mich zwei Stationen weiter. Irgendwie schaffte er es gleichzeitig meine Hand zu halten und ich wundere mich bis heute, dass sie nicht gebrochen ist, so fest drückte ich zu. 

Wir wurden vom Kinderarzt begrüßt mit den Worten: „Einen Herzfehler können wir ausschließen, wahrscheinlich nur eine Anpassungsstörung.“ Er erklärte uns was das heißen könne – und es klang zum Glück nicht allzu schlimm. Trotzdem war es der nächste Schock als wir unsere vier Stunden alte Tochter in diesem Wärmebettchen liegen sagen. Eine Maske im Gesicht. Unzählige Kabel am Körper. Das Piepsen der Monitore im Ohr. Ich berührte vorsichtig ihren Arm. Es schien ihr gut zu gehen. Besser. Ihre Hautfarbe war nun so wie man sich die Hautfarbe eines Babys vorstellt. Rosig. Sie war ganz warm. Es waren nicht die Worte des Arztes, nicht die Erklärungen der Schwester die mich beruhigten – es war das unbestimmte Wissen darum, dass es meiner Tochter gut ging in diesem Bettchen. Dass sie bekam was sie brauchte. Und was ich ihr nicht geben konnte. 

Mehrere Stunden verbrachten wir an Frejas Bett. So lange bis ich nicht mehr stehen konnte und mein Kreislauf nicht mehr mitspielte. Also noch einmal hinlegen für zwei Stunden. Dann wieder runter zu unserer Tochter. Es war mittlerweile später Abend, wir hatten seit 36 Stunden nicht mehr geschlafen und so langsam fiel die Anspannung von uns ab. Zurück auf dem Zimmer ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf, die Tränen liefen über mein Gesicht. Ich war unendlich erschöpft, hilflos, fühlte mich schuldig, weil ich so sehr die Schnauze voll gehabt hatte vom schwanger sein. Vielleicht hätte sie einfach noch ein paar Tage in meinem Bauch gebraucht? Gleichzeitig war ich traurig weil meine Tochter nicht bei mir war und verwirrt, weil ich noch gar nicht wirklich begriffen hatte, dass ich sie überhaupt auf die Welt gebracht hatte. Es war das reinste emotionale Chaos und die Tatsache dass mein Körper auf Hochtouren damit begann die Geburt zu verarbeiten, machte es nicht leichter. Irgendwann schlief ich ein. Ich schlief wie ein Stein und als ich am nächsten Morgen um sechs wieder aufwachte, konnte ich es nicht erwarten zu meiner Tochter zu kommen. Franz ging es ähnlich. Es war, als müssten wir uns davon überzeugen, dass wir tatsächlich ein Kind hatten. Dass sie wirklich da war. Und dass es ihr weiterhin gut ging. 

Wir hatten das Glück, dass wir von den Schwestern auf der Intensivstation wirklich wunderbar betreut wurden. Sie erklärten uns jedes noch so kleine Detail, wir konnten Freja besuchen wann immer wir wollten und durften von Anfang an alles übernehmen was möglich war. Alle vier Stunden pumpte ich Milch ab, die Franz ihr dann mit einer Flasche oder über die Magensonde gab. Nach zwei Tagen begann ich mit dem Stillen und das klappte zu meiner Überraschung vollkommen problemlos – vom ersten Anlegen bis heute. Auch mit ihrem Zustand ging es schnell bergauf. Am Tag nach der Geburt holten wir unser „Kennenlernen“ noch einmal nach indem man sie mir auf die Brust legte (samt Sauerstoffmaske und aller Kabel). Vier Stunden lagen wir da, auf einer Art Campingliege, Haut an Haut, Franz Hand in meiner und das tat sowohl Freja als auch mir unheimlich gut (Gibt’s sogar ein Fachwort für – Känguruhen nennt man das. Ich sage Kennenlernen). 

Trotzdem waren die Tage anstrengend, nervenaufreibend und kräftezehrend. Wir machten uns Sorgen, lebten im vier-Stunden Takt, von Besuch zu Besuch, von einem Gespräch mit den Arzt zu nächsten. Erfolge wurden in Zahlen gemessen, auf dem Überwachungsmonitor oder in Gramm auf der Waage, je nachdem wie viel die Kleine getrunken hatte. Es ging zwei Schritte vor, einen wieder zurück aber stetig bergauf. Für mich war diese Zeit die reinste emotionale Achterbahn. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen, freute mich über jeden Besuch bei unserer Tochter, hatte Angst vor der nächsten Hiobsbotschaft und war erleichtert wenn stattdessen gute Nachrichten kamen. 

Alleine hätte ich das nicht durchgestanden. Zum Glück durften wir unser Familienzimmer für ganze vier Nächte behalten und so war Franz immer an meiner und an Frejas Seite. Ich stillte, er wickelte. Er sorgte dafür dass ich genug trank, dass ich genug aß. Und dafür, dass ich redete. Über die Geburt, deren Erinnerung mir noch das ein oder andere Mal zu schaffen machte. Über meine Ängste. Über all‘ die Gefühle, die unsere Situation in mir hochholte- auch wenn ihre Ursache vielleicht schon längst vergangen war. Und darüber was mich durchhalten ließ: Die Vorstellung in ein paar Tagen schon als Familie zuhause zu sein. 

Nach zwei Tagen, war unsere Tochter die Sauerstoffmaske los. Endlich konnten wir ihr wunderschönes Gesichtchen sehen. Ihre einzigartigen Grimassen. Wenige Stunden später kam die Magensonde raus. Nun konnten wir sie hochnehmen, festhalten, an uns drücken. Endlich. Nach vier Tagen war Freja alle Kabel los, lediglich das Wärmebettchen brauchte sie noch. „Vielleicht geht es morgen nach Hause“, hieß es. „Wenn sie bis dahin ihre Temperatur halten kann“. Was für eine Motivation, wir wollten alles dafür tun unserer Tochter das zu geben was sie brauchte und so verbrachte sie ihren letzten Tag im Krankenhaus fast ausschließlich auf der Brust ihres Vaters. Dem wohl wärmsten und schönsten Ort der Welt, das kann ich aus eingeben Erfahrung sagen. Abends schaltete die Schwester das Wärmebettchen aus. 

Mit der Aussicht die nächste Nacht in meinem eigenen Bett verbringen zu können, überstand ich die letzte, und einzige Nacht alleine, im Krankenhaus gut. Obwohl es schwer war Franz Abends gehen zu lassen (und für ihn war es nicht weniger schwer nicht bleiben zu können) wusste ich, dass ich nur noch wenige Stunden durchhalten musste. Außerdem hatte er versprochen am nächsten Morgen Punkt sieben wieder da zu sein, pünktlich zur „Fütterungszeit“ unserer Tochter. Ich tat in der Nacht zwar kein Auge zu, da ich eine Zimmernachbarin bekam, deren Geburt grade eingeleitet worden war und die dementsprechend – sagen wir – unruhig war, aber am nächsten Morgen stand ich um fünf vor sieben vor dem Krankenhaus und wartete auf meinen Mann. Meinen Mann, der uns nun abholen würde. Mich und unsere Tochter. Auch wenn jeder Arzt den Kopf geschüttelt hätte ( so kurz nach der Geburt sollte man ja eher liegen…), rannte ich ihm entgegen sobald ich ihn auf der Zufahrt entdeckte. In dem Moment wollte ich ihn nie wieder loslassen. 

Irgendwie brachten wir den Tag noch rum. Wir würden zwar höchstwahrscheinlich gehen dürfen, sagte man uns, aber es müssten noch ein paar Abschlussuntersuchungen gemacht werden. Man wusste nicht wie lange das dauern würde. Also wieder warten. Warten, so wie die letzten Tage. Immer mit der Angst davor, doch bleiben zu müssen. Wir kümmern uns um unsere Tochter, gingen spazieren, saßen rum. Schließlich beschlossen wir noch einen Kaffee in der Stadt trinken zu gehen, schließlich hatte ich mein Zimmer schon aufgegeben und das erste mal seit gefühlten Ewigkeiten sogar eine richtige Jeans an. Als wir zurückkamen, begrüßte die Ärztin uns mit den Worten: „Ich sitze grade an Ihrem Abschlussbericht. Wenn ich fertig bin, können sie nach Hause.“ Ich konnte es nicht glauben. „Echt?!“, fragte ich. „Ja“, war die Antwort. Ich fiel Franz um den Hals, küsste ihn. „Hast du gehört“, sagte ich. „Wir fahren nach Hause.“ Ärztin und Schwestern lachten mit uns. Ich weiß nicht wann ich in meinem Leben mal so erleichtert gewesen bin (außer vielleicht in dem Moment als die Presswehen vorbei waren). Jetzt konnt es nicht schnell genug gehen. Wir zogen Freja ihre eigenen Klamotten an, packten sie in den Maxicosi und wurden mit den Worten verabschiedet: „Sie nehmen ein kerngesundes Kind mit nach Hause“. 

Franz trug unsere Tochter den Krankenhausflur entlang und ich ging hinterher mit Tränen in den Augen und hätte platzen können vor Glück. Die Fahrt nach Hause schwankte ich zwischen Weinen und Lachen, so berührt war ich und als wir endlich in unserer Wohnung ankamen und ich sah, dass Franz am Abend vorher noch schnell unsere Mobilés aufgehangen und alles andere vorbereitet hatte, war es endgültig vorbei. Ich weiß nicht mehr was ich sagte und ich habe keine Ahnung ob man es überhaupt verstehen konnte aber es war etwas wie: „Oh mein Gott, ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt und ich werde von jetzt an immer dankbar dafür sein was wir hier haben, ich liebe euch so sehr und ohmeingottdubistderbestepapsderwelthaltmicheinfachfest.“ Ich weiß …. ich schiebe es noch auf die Hormone. 

Mein Lieblingsbild.

Und dann begann unser Leben als Familie. Ein Leben vor dem ich zugegebenermaßen manchmal Angst hatte, weil ich nicht wusste was es verändern würde, aber was ich von der ersten Sekunde an für nichts auf der Welt wieder hergeben würde. Von dem Moment als wir Zuhause waren, war es als wäre alles an seinen Platz gefallen. Wir mussten nicht lernen oder uns daran gewöhnen eine Familie zu sein, wir waren es einfach. Wir redeten auch in der nächsten Zeit noch viel über die Geburt und die Zeit auf der Intensivstation und tun es noch heute, denn einfach war es nicht. Aber es hat uns auch gezeigt wie wertvoll unser Leben ist und was für ein Geschenk es ist, ein gesundes Kind zu haben. Und es war bestimmt auch von Vorteil, dass wir uns schon an einen Rythmus gewöhnt hatten, das Stillen einwandfrei klappte und Franz das Wickeln in Rekordzeit beherrschte… Seitdem sind wir eine Familie und das ist das beste was mir je passiert ist. Auch wenn unser Start nicht leicht war, so würde ich trotzdem jedem sagen: „Leute, kriegt Kinder. Es ist echt das Größte“. 

 

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