Im Augenblick. | Freja wird zwei.
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Freja wird zwei.

Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern das mich begleitete als ich den Text zu deinem ersten Geburtstag schrieb. Ich war stolz, berührt, beeindruckt und sehr, sehr glücklich. Es war der 27. Juli 2017, ich saß am Esstisch in unserer alten Wohnung und klickte mich durch die Fotos deines ersten Jahres auf dieser Welt. Heute, ein Jahr später sitze ich mit genau demselben Gefühl wieder an eben jenem Tisch, der noch immer leicht wackelt und schreibe einen Text für dich, denn morgen wirst du zwei Jahre alt.

Zwei Jahre. Oder fünf. Oder sieben. Zumindest wenn es nach dir geht, denn immer wenn ich dich frage wie alt du wirst, antwortest du inbrünstig mit der erstbesten Zahl die dir einfällt. Grade als ich dich ins Bett brachte, sagtest du voller Überzeugung „Freja wird dreizehn Jahre alt“ und als ich daraufhin sagte „Nein, Freja wird zwei Jahre alt“ schütteltest du den Kopf und sagtest „Nein. Sieben.“ Aber ganz egal ob sieben oder fünf oder zwei, morgen ist der Tag an dem wir feiern, dass du geboren wurdest. Und ich wüsste nichts auf der Welt das ich lieber feiern würde.

Es ist einiges passiert im letzten Jahr. Es begann damit, dass dein Vater und ich den Kaufvertrag für unser eigenes Haus unterschrieben und uns dabei vorstellten, dass dieses Haus dann wohl für dich zu deinem „Elternhaus“ werden wird. Ich glaube nicht, dass du dich an die kleine Wohnung mit den Dachbalken, dem großen Balkon, direkt über unserem Atelier wirst erinnern werden, in der wir unser erstes gemeinsames Jahr verbrachten, aber an unser Haus, an das wirst du dich erinnern. Hier wirst du aufwachsen. Hier hast du dir mit einem Jahr und zwei Monaten selbst beigebracht freihändig die Treppe zu steigen. Oder freihändig auf dem Bobbycar zu stehen. Oder auf dem Schaukelpferd. Oder freihändig auf der nun doch nicht allzu breiten Sofalehne zu balancieren. Du hast diverse Handabdrücke an den verschiedensten Stellen auf den weiß gestrichenen Wänden hinterlassen und ich kann nicht mehr zählen wir oft wir quer durch Wohnzimmer und Küche apportieren gespielt haben – ein Spiel, bei dem ich dir einen Gegenstand ganz weit wegwerfe und dann „Apport“ rufe. Du sprintest daraufhin los, stopfst dir den Ball, das Kuscheltier oder was auch immer ich geworfen habe in deinen Mund und bringst ihn mir zurück. Dann geht das Ganze von vorne los. Ja, ich weiß, dass dieses Spiel eigentlich für Hunde ist. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass du es dir ganz alleine von Toffie, dem Hund deiner Tante abgeguckt hast.

Dein erstes, bewusstes Weihnachtsfest hast du auch hier verbracht, mit 40 Grad Fieber am ersten Weihnachtstag und Eltern, die sich völlig fertig, statt dem Festessen, Pommes und Burger bei Mc Donalds organisiert haben. Dein Vater sagt, am ersten Weihnachtstag bei Mc Donalds zu essen, war so deprimierend, dass er dort nie wieder hinwill, mal schauen wie lange er durchhält. Um dich zu beruhigen, haben wir jedenfalls so oft nach den Engeln und dem Christkind gesucht, dass du auch heute noch manchmal ganz aufgeregt zum Fenster zeigst und sagst „Guck mal, ein Engelchen“.

Du isst jetzt außerdem nicht mehr nur ausschließlich HIPP Gläschen und Grießbrei (oder Hirse oder 5-Korn oder wie sie alle heißen), sondern vorzugsweise Eis und Nudeln mit sehr, sehr, sehr viel Parmesan oder Pommes mit sehr, sehr viel Ketchup. Gemüse isst du nur noch roh und wenn ich mal versuche dir ein Stück gekochte Paprika zusätzlich mit einer Kartoffel in den Mund zu stopfen, dann lässt du es einfach wieder rausfallen, siehst mich an und sagst mit großen Augen: „Das ist zu heiß“. Gekochtes Gemüse ist bei dir einfach aus Prinzip zu heiß, völlig egal welche Temperatur es tatsächlich hat. Ich finde, das ist reichlich clever von dir. Sowieso lebst du das Leben mit einem solch natürlichen Klugheit, dass ich aus tiefster Überzeugung sagen kann: Nicht ich bin es, die dir die Dinge beibringt. Du bist es, die mir zeigt wie es geht.

Ich weiß, dass man gemeinhin sagt „Ein Kind erobert die Welt“, doch im Grunde finde ich, es ist genau anders herum. Du lässt dich von der Welt erobern, von all’ dem Schönen, all’ dem Faszinierenden was sie zu bieten hat. Du lässt dich beeindrucken, begeistern, staunst über so vieles und machst das Wort „Alltag“ zu einem Synonym für echtes, pures Leben. Du beeindruckst mich, jeden Tag, wenn du mich daran teilhaben lässt, wie du das Leben erlebst.

Neulich weintest du, ich weiß nicht mal mehr warum, ich glaube du hattest dir wehgetan. Vielleicht hatte ich dich aber auch daran gehindert eine komplette Tube voller Zahnpasta auf unserem Bett auszudrücken. Während ich dich im Arm hielt und tröstete, erklärtest du mir jedenfalls: „Freja ist traurig“ und vorsichtig mit deinen kleinen Fingern, fühltest du deine eigenen Tränen. „Frejas Augen sind traurig“, sagtest du daraufhin und verlangtest „Lappen haben“. Ich gab dir einen Waschlappen, und du riebst dir über dein linkes Auge. Dann sahst du mich an und begannst plötzlich zu lächeln. „Jetzt ist nur noch ein Auge traurig“, sagtest du. Dann riebst du auch noch das andere Auge trocken, richtetest dich auf und sagtest „Freja wieder lücklich“.

Immer wieder machst du mich sprachlos, damit wie viel Wahrheit in dem steckt was du sagst und tust. Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, so gab es, abgesehen von unserem Hauskauf, gar keine besonders spektakulären Erlebnisse und doch waren die letzten zwölf Monate so reich gefüllt an Veränderung, Glück, Entwicklung, Abenteuer, Herausforderung und Liebe, dass ich manchmal das Gefühl habe, erst jetzt so richtig verstanden zu haben, was es bedeutet, sich wahrhaft drauf einzulassen und es kompromisslos zu leben, das Leben. Mit deinen grade zwei Jahren, weißt du Alles, was du wissen musst.  Du trägst es in dir, Alles was du jemals brauchen wirst. Mein größter Wunsch für dich ist, dass du dir dessen immer bewusst bleibst.

Wenn ich mich also an dein zweites Jahr zurückerinnere, dann denke ich daran wie es klingt, wenn du glucksend, aus tiefster Seele lachst, weil dein Onkel mit dir Blödsinn macht. Oder weil du vom Dach des Gartenhäuschens in die Arme deines Vaters springst. Oder weil wir zu Helene Fischers „Herzbeben“ tanzen und ich dich wild im Kreise drehe. Wenn du lachst, dann ist es jedes Mal, als hieltest du für einen Moment die Zeit an, denn egal wer dir zuhört, am Ende lachen alle gemeinsam. Ich denke auch daran, wie du noch immer jeden Abend auf meiner Brust, langsam in den Schlaf findest, während du an meinen Haaren ziehst und ich dir erst das „Wildvögelein“, dann „Guten Abend Gute Nacht“, dann „Weißt du wieviel Sternlein stehen“ und zuletzt „Lalelu“ vorsinge. Ich sehe dich vor mir, wie du mit beiden Armen rudernd auf unserem Sofa herumspringst und wie du jedes Mal, wenn wir fragen ob wir Musik anmachen sollen, begeistert nickst und rufst „Hodiodio ören“. Ich denke daran, wie unglaublich schnell du zu sprechen gelernt hast und wie viele Menschen es nicht glauben konnten, dass du nicht mal zwei bist, als du schon im Winter damit begannst in ganzen Sätzen zu reden und Wörter wie „eigentlich“ und „sehr gerne“ zu verwenden. Ich erinnere mich an deine Stimme wie sie klingt, wenn du singst und daran wie dein Vater und ich dir Lieder wie „Saufen. Morgens, mittags, abends ich will saufen“ oder „Hey du kleine Maus“ beigebracht haben. Es begann damit, dass wir die Texte sangen und du immer das letzte Wort eines Satzes sagen duftest. In deinem ersten Lied ging es um ein „Krokodil aus Afrika“ und statt „Afrika“ sagtest du immer „Aprika“. Mittlerweile kannst du so viele Lieder auswendig, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Und außerdem bringen deine Tanten dir ständig neue bei, zuletzt „Wap bab“ von „Bibis Beauty Palace“, dessen einziges Ziel es war, mich und deinen Vater zu ärgern. Dieses Ziel haben sie erreicht. Ich erinnere mich an deine zerzausten, hellblonden Löckchen, und diesen besonderen, wunderbaren Geruch, kurz nach dem Aufstehen, an deine Ärmchen um meinen Hals mit denen du nach meinem Zopf tastest und ihn nicht mehr loslässt, wenn du ihn einmal zu fassen gekriegt hast. Ich erinnere mich daran wie liebevoll du deinen Puppen, die allesamt „Rosie“ heißen einen Gute Nacht Kuss gibst, und an das Bild wie du dich in ein Handtuch eingewickelt von deinem Vater umherwirbeln lässt und du mir zurufst: „Guck mal Mama, ich bin ein Paket“. Und ich erinnere mich daran, wie du mich völlig zur Verzweiflung gebracht hast, weil du morgens weder Zähneputzen noch Anziehen noch irgendwas Anderes wolltest als „Auf Mamas Arm“ und daran wie ich dich nachdem wir fast zwei Stunden lang gekuschelt und Bücher geguckt hatten, genervt aufs Bett setzte und aus dem Zimmer ging. Nur zwei Minuten später standst du aufs Schärfste empört in der Badezimmertür, sahst mir in die Augen und sagtest bestimmt: „Ich bin traurig. Ich muss auf Mamas Arm“. Wie Recht du hattest.

Morgen hast du also Geburtstag und während dein Vater dich grade ins Bett bringt, sitze ich hier, tippe diese Zeilen und fühle mich gleichzeitig ein wenig wehmütig und voller Erwartung. So schnell die Zeit auch vergeht, mein Mädchen, du hast mit gezeigt wie man sie anhalten kann. Immer wieder, einfach so, wenn man sich einlässt auf das was ist. Und wenn man lacht, wie du es tust.

Ich werde jetzt das ganze Wohnzimmer mit Girlanden und Ballons und Luftschlangen und Smarties dekorieren. Ich werde einen Schokokuchen in Delfinform backen, natürlich aus einer Backmischung, damit man ihn auch essen kann und dann werde ich Kerzen draufstecken, die du morgen auspusten kannst. Ich werde deine Geschenke verpacken in Papier mit bunten Feen drauf und dann werde ich mit deinem Vater zusammen das 3,50 Meter große Trampolin aufbauen und mich auf deine Augen freuen, wenn du es morgen siehst. Und vielleicht werde ich dabei auch ein ganz bisschen genießen, dass ich nicht „Hulapalu“ in Dauerschleife hören muss. Auf dich mein Mädchen, was freu ich mich auf jeden einzelnen weiteren Tag, den ich mit dir erleben darf.

3 Comments
  • Kerstin
    Posted at 19:11h, 27 Juli Antworten

    Ich bin einfach nur sprachlos wieviel Liebe du in deine Texte packst. Ich bin einfach hin und weg. Ich wünsche euch morgen einen wunderschönen Tag und feiert Freja. Ich folge dir soo gerne weil alles sich einfach nur ehrlich anfühlt.

  • Verena
    Posted at 19:14h, 27 Juli Antworten

    Ach so wundervoll Inga! Du schreibst so tief aus dem Herzen! Aber da wohnt Freja ja schließlich auch!❤️
    Ich kann mich an den 2. auch noch gut erinnern! Und dieses Jahr der dritte, ich sag dir, das war noch mal ne ganz andere Nummer! Plötzlich der erste Kindergartentag… So verrückt! Ich wünsche euch einen tollen Tag morgen und eurer wubderhübschen Zaubermaus nur das Allerbeste!
    Verena

  • Julia Eißler
    Posted at 22:00h, 27 Juli Antworten

    Während ich deine Worte gelesen habe, umhüllte mich eine immer stärker werdende Wärme. In mir drin wurde so viel Liebe frei gesetzt und auch Dankbarkeit.
    So wie Du Frejas zweites Jahr beschrieben hast, schaffen es nur wenige Eltern ihre Gefühle auszudrücken. Von Herzen danke ich Dir, dass Du uns mit in dein Innerstes genommen hast!! Ich drück Euch, Julia

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