Im Augenblick. | Herzlich Willkommen auf „Im Augenblick“
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Herzlich Willkommen auf „Im Augenblick“

Heute ist der 19. Mai 2018, 23:23 Uhr. Ich habe noch ganz genau 37 Minuten, dann werde ich 30 Jahre alt. Und wenn ich sage, genau 37 Minuten, dann meine ich das wortwörtlich, denn ich wurde um Punkt Null Uhr geboren. Vor fast 30 Jahren durften sich meine Eltern aussuchen, ob sie meinen Geburtstag lieber am 19. oder am 20. Mai feiern wollten. Ich fand es schon immer ziemlich cool, genau um Mitternacht geboren zu sein, denn irgendwie klingt es besonders, wenn man sagt: „Meine Eltern durften sich meinen Geburtstag aussuchen“. Überhaupt stehe ich auf Geburtstage. Es gibt tonnenweise Smarties und Geschenke und Erdbeerkuchen und seit ein paar Jahren auch Bier und Rotwein und Sambuca und Whisky und vielleicht noch etwas mehr Rotwein. Früher habe ich immer gedacht mit 30 würde ich als erfolgreiche Journalistin die Welt bereist haben. Ich würde Artikel für namhafte Magazine schreiben, endlich in High-Heels laufen können und ganz bestimmt Oliven mögen. Denn irgendwie scheinen alle lässigen, souveränen Menschen, die wissen worauf es im Leben ankommt, Oliven zu essen.

Stattdessen wohne in in meiner Heimatstadt, in der jeder jeden kennt, die weiteste Reise die ich je unternommen habe ging nach Südfrankreich und den Traum von meiner Journalistenkarriere habe ich hingeschmissen als ich während meines Praktikums in einer Moderedaktion einen Artikel redigieren sollte, in dem es darum ging, bei welchen Sexstellungen eine Frau für den jeweiligen Bettgenossen besonders vorteilhaft aussieht. Bebildert wurde das Ganze mit Fotos von Barbies in eindeutigen Posen. Wer bitteschön hätte da nicht den Glauben an Frauenmagazine verloren? Oliven sind noch immer nicht mein Fall, was mich noch immer nicht davon abhält, sie bei jedem einzelnen Restaurantbesuch wieder zu probieren, mein Geschmack könnte sich ja schließlich verändert haben. Hat er aber nicht. Nur auf High-Heels kann ich tatsächlich laufen, allerdings nur für ungefähr drei Stunden und nur bis zu einer Absatzhöhe von ungefähr sieben Zentimetern. Manchmal kommt es im Leben eben anders als man denkt.

Jetzt sind es noch genau 26 Minuten, dann werde ich 30 Jahre alt. Dreißig. Jahre. Alt. Der Rotwein steht bereit, gleich werde ich anstoßen. Mit meinem Ehemann, den ich zwingen werde, ein glitzerndes Partyhütchen aufzusetzen und sich zu mir auf den Boden zu hocken, obwohl er es hasst. Aber ich finde, es ist einfach ein schönes Bild, zusammen auf dem Boden zu sitzen und Wein zu trinken und außerdem muss ich es ausnutzen, dass ich genau ein Mal im Jahr ein Druckmittel habe, um ihn zu solch „vollkommen unsinnigen“ Aktionen zu bewegen. Ich spiele noch mit dem Gedanken meine Tochter zu wecken, ihr würden die Partyhütchen sicherlich gefallen, allerdings würde ich sie bestimmt nicht mehr zum Einschlafen bringen können und bis vier Uhr morgens „Petterson und Findus“–Bücher zu gucken, dazu habe ich wirklich keine Lust.

Stattdessen tue ich das, was man an 30sten Geburtstagen nun mal so macht und werde stilecht sentimental. Das Glas Rotwein in der Hand, beginne ich in meinen alten Tagebüchern zu blättern, zehn Stück sind es an der Zahl. Der allererste Eintrag ist vom 11. Dezember 2000 und beinhaltet eine präzise Vorstellung meiner Wenigkeit: „Ich heiße Inga und bin 12. Ich habe mindestens 20 Chat-Freunde, aber keinen richtigen *heul*…“. Ja, wer kennt ihn nicht, den guten alten GZSZ-Chat. Mein Nickname war sybena1988 und ich durfte jeden Tag eine Viertelstunde chatten, was nicht besonders lang war, mir allerdings auch nicht sonderlich viel ausmachte, weil ich hatte ja noch meine Freundin Amanda und deren Eltern scherten sich nicht groß darum, wie lange wir online mit irgendwelchen fremden Jungs Emojis hin und her schickten. Denn nichts Anderes taten wir Nachmittage lang in ihrem Dachzimmer direkt gegenüber von meinem Elternhaus während ich meine Mutter in dem Glauben ließ, wir spielten mit Playmobil, oder was auch immer man mit 12 so spielt. Alleine die Vorstellung, Freja könne so etwas irgendwann machen, lässt es mir heute eiskalt den Rücken runterlaufen. Gut, ich bin ja schließlich auch fast 30 und außerdem Mutter, da darf man mal ein bisschen paranoid vernünftig sein.

Nach meiner Vorstellungsrunde „für die Nachwelt“, illustriere ich auf Seite zwei des Tagebuches meine aktuellen Beziehungen zu Freunden, Familie und Lehrern auf einer ausgeklügelten Skala von Minus 500 bis Plus 20 anhand von liebevoll gemalten Herzchen und schließe den Eintrag mit den Worten: „P.S.: Für Rechtschreibfehler wird nicht gehaftet.“ Auf der nächsten Seite stelle ich fest, dass ich mit meinen Klamotten IM LEBEN nicht bei „süßen Typen“ landen kann. Dieses Problem finde ich bis heute schwierig zu lösen, meistens habe ich noch immer REIN GAR NICHTS zum Anziehen. Der einzige Vorteil: Das ist dem „süßen Typen“ in meinem Leben aka. meinem Ehemann herzlich egal. Damit ihm auffällt, dass ich ein neues Kleid habe, müsste ich mir wahrscheinlich einen mindestens DIN A1 großen Zettel auf den Bauch kleben auf dem steht: „NEU“. Und wahrscheinlich würde er sich selbst dann nur kopfschüttelnd umdrehen, sich insgeheim denken, was seine Frau schon wieder für seltsame Projekte ausprobiert und wieder in sein Käsebrot beißen. Oder so.

Aber ich schweife ab. Ich habe noch genau 15 Minuten bis ich 30 Jahre alt werde und stolpere plötzlich über meine eigenen Worte vom 16. Dezember 2000. Es ist fast 18 Jahre her, da fasste ich offenbar einen Entschluss, von dem ich – in Anbetracht der Tatsache, dass ich grade mal 12 Jahre alt war – nicht genau weiß, ob ich ihn hochgradig besorgniserregend oder erstaunlich schicksalhaft finden soll: „ICH WILL MICH VERLIEBEN. Und zwar möglichst schnell,“, steht mit leicht verblasster Tinte auf dem Karopapier, das „E“ stilecht als Halbkreis mit Strich in der Mitte. Junge, wenn ich damals gewusst hätte, was dieser Plan mir noch für schlaflose Nächte bescheren würde, ich schätze, ich hätte mir doch lieber gewünscht, in der nächsten Reitstunde mein Lieblingspferd „Rambo“ reiten zu dürfen.

Ich blättere weiter und weiter, der Rotwein steigt mir langsam zu Kopf und vielleicht ist es deswegen, dass ich diesen Moment als besonders bedeutsam empfinde, vielleicht aber auch weil er es einfach ist. Hier sehe ich ihn ganz klar vor mir, den Weg den ich gegangen bin. Meinen Weg zur Erfüllung meines größten Traumes, den ich augenscheinlich schon als 12-Jährige hatte, den Traum eine Liebe zu erleben, wie ich sie bis dahin nur aus Büchern und Filmen kannte und für den ich nicht nur ein Mal als hochgradig naiv und hoffnungslos romantisch abgestempelt wurde. Ich kann sie lesen, schwarz auf weiß, all’ die Zweifel und die Hoffnungen, die schönen Erlebnisse und die wichtigen Erfahrungen. Die Enttäuschungen, meine Ängste und den Mut, es trotz allem immer wieder zu versuchen. Ich glaube, ich habe meine Tagebücher noch niemals so bewusst eines nach dem anderen durchgelesen und ich bin froh, dass ich es heute tue, denn hier halte ich ihn in meinen Händen, den Beweis dafür, dass am Ende immer alles gut geworden ist, auch wenn es sich gewiss nicht immer so anfühlte. Manche Seiten sind kaum noch lesbar, ich muss geweint haben, während ich sie schrieb, doch der letzte Eintrag im letzten meiner Tagebücher gibt jeder einzelnen Träne den Sinn, den sie verdient: „An meiner rechten Hand trage ich einen wunderschönen goldenen Ring. Wir haben geheiratet. Es war perfekt. Ich kann es noch immer nicht glauben, dass ich jetzt Inga Hanka heiße, dass Franz mein Ehemann ist und ich seine Ehefrau. Aber es ist wahr. Dieser wunderbare Mann hat mich geheiratet.“

Noch immer muss ich lächeln, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Mein Traum, den ich schon als Zwölfjährige in Großbuchstaben, auf Seite vier meines ersten Tagebuches zu Papier brachte, endet 15 Jahre später mit einem „JA“ im Kempener Standesamt und ziemlich verklärten Worten auf der letzten Seite meiner zehnten, vollgeschriebenen Kladde. Heute denke ich manchmal, dass ich ihn damals vielleicht noch etwas hätte präzisieren sollen, dann würde Franz jetzt freudestrahlend neben mir auf dem Boden sitzen, anstatt zu stöhnen und sich über den ganzen Glitzer zu beschweren, aber im Großen und Ganzen bin ich ziemlich zufrieden. Ich fühle mich weder sonderlich erwachsen, noch bin ich bekannte Journalistin und die Welt werde ich wohl auch nicht mehr bereisen, denn mein Mann schlägt jedes Mal wenn das Thema „Urlaubsplanung“ ansteht, die Mecklenburgische Seenplatte vor, aber ich bin verdammt glücklich. Es ist gut manchmal zurückzublicken und sich bewusst zu machen, welchen Weg man gegangen ist. Meiner war ziemlich hart, ziemlich chaotisch und ziemlich anstrengend, aber das geht wohl den meisten Menschen so. Er war allerdings auch unglaublich lehrreich, zuweilen wunderschön und voller Leben und Liebe, großen Träumen und wunderbaren Menschen und niemals würde ich auch nur eine einzige Erfahrung missen wollen.

Jetzt ist es beinahe Mitternacht und ich komme mir nun doch verdammt erwachsen vor, wie ich so über mein Leben nachdenke. Mein Ehemann holt mich zurück in die Realität mit den liebevollen Worten: „Ey komm, willst du nun anstoßen oder nicht?“. In der Hand hält er zwei Gläser Rotwein, und trotz meines Argumentes, einem Geburtstagskind müsse man jeden Wunsch erfüllen, weigert er sich, zu mir auf den Boden zu kommen und zieht mich stattdessen mit einem Ruck in seine Arme. „Herzlichen Glückwunsch“, murmelt er, nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich so, dass meine Knie weich werden wie Butter und es in meinem Bauch beginnt zu kribbeln. Noch immer finde ich es vollkommen verrückt, welche Gefühle dieser Mann mit nur einem Blick, einer einzigen Berührung oder auch nur einem gemurmelten „Herzlichen Glückwunsch“ in mir auslösen kann. „Manchmal frage ich mich immer noch, ob du wirklich echt bist…“, sage ich zu Franz. Er lacht und antwortet: „Komm her, du verrücktes Huhn, ich beweis’ es dir“.

Nachdem ich den größten Wunsch meines 12-jährigen Ichs also offiziell abgehakt hätte, finde ich, der Beginn eines neuen Jahrzehnts ist auch ein guter Zeitpunkt für eine neue Vision. Ich fasse sie heute mit einem pinken Partyhut auf dem Kopf, einem leichten Schwips und dem handgeschriebenen Beweis dafür, dass Träume wahr werden und wage mich an die Umsetzung eines Wunsches, der mindestens ebenso lange in meinem Kopf schlummert, wie die Sache mit der Liebe: Ich möchte schreiben. Ich habe in meinem Leben schon für Zeitungen, für verschiedene Blogs, fürs Radio und andere Magazine gearbeitet und nachdem ich nach der Sexstellungen-Barbie-Geschichte festgestellt habe, dass eine journalistische Karriere beim Frauenmagazin nicht so ganz das Wahre für mich ist, und ich außerdem einen ziemlich coolen anderen Job habe, muss ich das Ding jetzt also anders angehen. Mit einem eigenen Blog und persönlichen Texten darüber, was für mich im Leben das Wichtigste ist: große Träume, wahre Liebe und ordentlich Koffein.

„Im Augenblick“ ist ein Blog darüber, dass nicht nur am Ende alles gut wird, sondern auf dem Weg dorthin bereits alles gut ist. Jeden einzelnen Tag gibt es unzählige Momente, Gedanken und Geschichten, die es verdienen, für immer zu bleiben, weil sie es sind, die das Leben wirklich ausmachen. Denn im Grunde haben wir bei allen Herausforderungen und bei all dem Streben nach Veränderung, die das Leben und die Liebe nun mal mit sich bringen, am Ende doch nur eines: Den Augenblick.

Ich freue mich, wenn ihr mich begleitet auf dem Weg, meine doch recht lockere Romanze zum Schreiben zu einer echten Beziehung zu machen. Bei Wünschen, Anregungen, eigenen Texten, die ihr gerne veröffentlichen möchtet oder was euch sonst noch so einfällt – immer her damit. Schön, dass ihr da seid und Herzlich Willkommen auf „Im Augenblick“.

P.S. Für Rechtschreibfehler wird nicht gehaftet.

6 Comments
  • Pia
    Posted at 04:37h, 20 Mai Antworten

    Aaah! Wie wunderbar! Freue mich riesig mehr von dir zu lesen. ✨ Alles, alles Liebe zum 30. Geburtstag und lass es krachen

    • Inga
      Inga
      Posted at 10:28h, 21 Mai Antworten

      Vielen lieben Dank – es bedeutet mir echt viel, dass es dir gefällt :).

  • Mirja
    Posted at 08:23h, 20 Mai Antworten

    Liebe Inga, was für ein schöner und kraftvoller Artikel! Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und viel Erfolg mit dem Blog! Du hast mich motiviert, meine Ziele ebenfalls „endlich“ anzugehen. Danke dafür! Hab einen tollen Tag mit deinen Liebsten! Sei gedrückt – Mirja

    • Inga
      Inga
      Posted at 10:29h, 21 Mai Antworten

      Wow, vielen Dank – das freut mich ja, dass du deine Ziele auch angehst, machen wir es zusammen ;).

  • Annika
    Posted at 10:59h, 20 Mai Antworten

    Wunderbar☺️

  • Erika
    Posted at 18:15h, 22 Mai Antworten

    Ach wirklich schön. Habe endlich Zeit gefunden, um mir deinen Text hier durchzulesen.
    Ich freue mich auf mehr

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