Im Augenblick. | Über Kita-Eingewöhnung, Angst und Fehler.
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Über Kita-Eingewöhnung, Angst und Fehler.

Ich fühlte mich mies. So mies wie man sich nur fühlen kann, als ich den Weg zum Kindergartentor lief, im Ohr das Weinen meiner Tochter. Mir liefen die Tränen übers Gesicht und auf einmal fand ich mich in genau der Situation in der ich doch niemals sein wollte. Die ich unter allen Umständen verhindern wollte. Nur wenige Tage zuvor hatte euch in den Stories erzählt: „Ich lasse meine Tochter nicht weinend zurück. Niemals.“ Und doch tat ich soeben genau das. Ich wusste nicht einmal genau wie ich in dieser Situation gelandet war, war die Eingewöhnung doch vorher so gut gelaufen. Doch plötzlich ignorierte Freja jeden der liebevollen Versuche ihrer Erzieherin, mit ihr zu spielen. Es klang logisch, dass ich ging, nur so würde Freja sich auf sie einlassen, außerdem hatte sie sich ja schon von ihr trösten lassen, sie war sogar bei ihr eingeschlafen. Ja, es klang logisch. Also ging ich. Und fühlte mich so mies. Selbst als nach nur wenigen Minuten der Anruf kam, Freja hätte sich ganz schnell beruhigt und würde bereits spielen, fühlte ich mich nicht besser. Selbst als sie mir mittags mit blendender Laune in die Arme rannte, wurde es nicht besser. Ich fühlte mich, als hätte ich mich selbst verraten. Als hätte ich meine Tochter im Stich gelassen. Ich vertraute dem Kindergarten zutiefst, war mir auch sicher, dass es Freja dort gutging – aber dieser Moment, zu gehen obwohl sie sagte ich solle bleiben, der brachte mich um den Verstand. Und doch wusste ich nicht wie es anders gehen sollte.

Am nächsten Tag, dasselbe Spiel. Freja weinte, ich ging und verbrachte den Vormittag damit mich zu fühlen wie die schrecklichste Mutter aller Zeiten, obwohl ich in regelmäßigen Abständen Bilder meiner lachenden Tochter per Whats App geschickt bekam. Ihr ging es gut, das konnte ich sehen. Was also war das Problem? Lag es an mir?

Mittags sprach mich Frejas Erzieherin an. Sie war besorgt, nicht um meine Tochter sondern wegen mir. Sie sagte, man würde merken, dass Freja von Tag zu Tag mehr auf den Kindergarten einließ. Sie rannte, lachte, quietschte, begann damit heraumzualbern, zu reden wie ein Wasserfall. Aber man würde auch merken, dass es mir ganz und gar nicht gutginge. Als sie mich schließlich fragte, ob ich denn noch dahinter stünde, dass Freja in den Kindergarten ging, ließ dann bei mir den Groschen fallen. Ich konnte sie nämlich nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung was es für ein Kind bedeutet, wenn man von einem Elternteil im Stich gelassen wird. Ich weiß, wie traurig, wie verzweifelt, wie aussichtslos sich das anfühlt, und wenn ich mir eines geschworen habe, dann dass ich alles dafür tun werde, dass Freja sich NIEMALS so fühlen muss. Niemals. Doch gleichzeitig ist es nicht fair, wenn ich meine eigene Angst als Maßstab dafür nehme was ich meiner Tochter zutraue. Was ich mir selbst zutraue. Wie soll Freja sicher in der Kita ankommen, wenn ich nicht in der Lage bin ihr Sicherheit zu geben? Wie soll sie sich dort fallenlassen, wenn sie meine Angst spürt. Wie soll sie sich fröhlich von mir verabschieden, wenn es mir nicht gelingt ihr das Gefühlt zu geben, dass der Kindergarten ne verdammt gute Sache ist? Meine Tochter vertraut mir bedingungslos. Im Nachhinein betrachtet ist es nur logisch, dass sie nicht im Kindergarten bleiben wollte, haderte ich doch mit meiner eigenen Entscheidung sie dort zu lassen.

Also begann ich mit Freja darüber zu reden. Ich erklärte ihr, dass sie in den Kindergarten geht, weil ich arbeiten WILL, nicht weil ich es MUSS. Ich begann endlich damit die 100prozentige Verantwortung zu übernehmen.  Ich sagte ihr, dass sie dort hingeht, weil ich weiß, dass es ihr guttut, und mir auch. Sie fragte mich an diesem Nachmittag bestimmt zehn Mal ob sie morgen wieder in den Kindergarten gehen würde und immer wenn ich daraufhin mit „Ja“ antwortete, begann sie zu weinen. Dann nahm ich sie fest in die Arme und tröstete sie, sagte ihr, dass ich sie verstehen kann. Und was dann passierte, war unglaublich. Abends, als ich sie ins Bett brachte, sagte sie zu mir: „Mama, ich gehe morgen in den Kindergarten. Ich habe Angst. Aber Mama kommt immer wieder.“  Dann schlief sie ein. Ich spürte, dass es für sie nicht einfach war. Ich spürte, dass sie der Abschied von mir traurig machte – aber sie vertraute mir so sehr, dass sie sich trotzdem entschied in den Kindergarten zu gehen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich diese Worte berührten.

Am nächsten Tag, weinte sie zwar noch einmal als ich mich im Kindergarten von ihr verabschiedete, aber sie sagte trotzdem sie würde dort bleiben und ich ging nicht einfach, sondern tröstete sie. Sie ließ mich gehen, obwohl es ihr alles andere als leicht fiel und ich musste mich beherrschen um nicht direkt zurück zu ihr zu rennen um sie zu küssen und zu drücken und ihr zu sagen wie unglaublich, irre stolz ich auf sie sei. Das verschob ich dann auf den Mittag, als ich Freja abholte und sie mir quietschvergnügt fünf Bilder in die Hand drückte, die sie über und über mit Glitzer beklebt hatte und mir erzählte, dass sie schon selbst den Tisch abgeräumt hatte.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und Freja geht morgens so selbstverständlich in den Kindergarten, dass ich es beinahe unheimlich finde. Sie verabschiedet sich von mir, erzählt allen „Die Mama geht arbeiten. Aber nach dem Mittagessen holt sie mich wieder ab“ und während sie das sagt, ist sie auch schon auf halbem Weg in die Gruppe. Gestern als ich sie abgeholt habe sagte sie aus heiterem Himmel auf einmal: „Mama, ich bin gar nicht mehr traurig. Ich bin glücklich.“

Ich weiß nicht, ob das nun immer so weitergeht. Ich weiß auch nicht, ob es richtig war, sie im Kindergarten zu lassen, obwohl sie mir sagte ich solle nicht gehen. Ich habe keine Ahnung, ob es nicht vielleicht einen besseren Weg gegeben hätte. Aber ich weiß, dass ich unseren Weg gefunden habe. Und ich weiß, dass es im Grunde niemals auf richtig oder falsch ankommt, sondern lediglich darauf, die Verantwortung zu übernehmen.

Ich erzähle euch diese Geschichte, weil sie mir wieder einmal gezeigt hat, wie sehr meine Tochter mich zuweilen auf mich selbst zurückwirft. Wie sehr sie mich konfrontiert – und wie sehr sie mir damit hilft. Sie bringt mich dazu mich meinen Ängsten zu stellen, sie bringt mich dazu Grenzen zu verschieben und über mich hinauszuwachsen. Es geht niemals darum, eine perfekte Mutter zu sein, ich mache haufenweise Fehler. Ich bleibe mir selbst nicht immer treu und verzweifle oft, weil ich einfach keine Lösung finde. Aber ich gebe niemals auf sie zu suchen. Und das ist es, worauf es am Ende ankommt.

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